
Weltfrauentag 2026: Warum ich diese Sätze nicht mehr akzeptiere
Jedes Jahr zum Weltfrauentag stelle ich mir dieselbe Frage: Brauchen wir diesen Tag eigentlich noch? Wir sind doch emanzipiert: Wir dürfen wählen (Immerhin seit 1918). Wir dürfen arbeiten, ohne den Ehepartner zu fragen (seit 1977 mit der Eherechtsreform). Wir dürfen gründen, führen, entscheiden, ein eigenes Konto führen (seit 1958). Und auch ich darf mit gerade 60 ein Business führen und meine Meinung sagen.
Und doch höre ich sie; Diese kleinen, scheinbar harmlosen Sätze. Kommentare, die uns Frauen einordnen, in Schubladen stecken, bewerten, begrenzen. Also doch nicht alles so fein mit der Emanzipation? Für mich ist Emanzipation kein Häkchen auf einer To-do-Liste. Vielmehr ist sie ein (offensichtlich) ständiger Prozess.
Denn: Solange Frauen sich erklären müssen, warum sie Grenzen setzen, solange ihre Körper kommentiert werden, solange ihre Wut als Überreaktion gilt, solange ihre Erschöpfung als individuelles Problem gedeutet wird, sind wir noch lange nicht „fertig“.
Und dann ist da noch das Wort Welt-frauentag.
Solange es Länder gibt, in denen Frauen für ein Stück Stoff auf dem Kopf verfolgt werden, solange Mädchen der Zugang zu Bildung verwehrt wird, solange Frauen im Iran, in Afghanistan und in anderen Teilen der Welt ihr Leben riskieren, um selbstbestimmt zu leben, solange Aktivistinnen in Gefängnissen sitzen, weil sie Freiheit fordern, solange das Realität ist, ist dieser Tag notwendig.
Ich lebe in einem Land mit vielen Rechten und Möglichkeiten, die meine Vorfahrinnen erkämpft haben. Das ist ein Privileg. Vor allem aber ist es keine Selbstverständlichkeit. Es verpflichtet. Feminismus bedeutet für mich 2026 nicht Empörung aus sicherer Distanz. Er bedeutet vor allem Bewusstsein, Dankbarkeit, Verantwortung und noch so viel mehr. Feminismus beginnt im Kleinen – bei den Sätzen, die wir akzeptieren oder eben nicht mehr akzeptieren.
Hier sind fünf davon.
„Sei doch nicht so emotional.“
Dieser Satz hat Geschichte und ich kann bzw. mag ihn nicht mehr hören. Er wurde (und wird) häufig benutzt, um Frauen aus Entscheidungsräumen fernzuhalten. Er impliziert: „Du bist zu sensibel, zu impulsiv, zu weich. Schlicht und ergreifend: zu emotional“. Einfach nur, weil wir z.B. laut oder wütend werden?
Wenn Männer laut werden, nennt man das Durchsetzungsstärke. Bei Frauen nennt man es Überreaktion. Meine eigene Antwort darauf ist nicht etwa in Sprachlosigkeit oder Wut zu verharren. Sie ist heute ruhig: Emotion ist kein Mangel, Emotion ist Information. Wut zeigt Grenze,Traurigkeit zeigt Verlust, Empörung zeigt Gerechtigkeitssinn. Wer Frauen ihre Emotionalität abspricht, spricht ihnen Relevanz ab. Ich mache da nicht mehr mit.
“ Du siehst aber gut aus für dein Alter.“
Es klingt zunächst wie ein Kompliment, ist in Wirklichkeit aber keins. Vielmehr sagt dieser Satz: „Du bist überraschend akzeptabel.“ Akzeptabel für was bzw. im Vergleich zu was? Als wäre Jugend der Maßstab und Altern ein Makel, den man möglichst lange kaschieren sollte? Dann müsste ich jetzt sagen: „Ich sehe nicht gut aus für mein Alter“. Denn: ich bin gerade 60 geworden und sehe aus wie eine Frau, die gelebt, geliebt und viel gelernt hat. Ich habe Verantwortung getragen, ich habe mich im Laufe meines Lebens zu der Frau entwickelt, die ich heute bin. Und das darf man durchaus auch sehen. Altern ist kein Defizit. Vielmehr ist Unsichtbarkeit als ältere Frau eine gesellschaftliche Entscheidung. Also entscheide ich mich für Sichtbarkeit.
„Hast du abgenommen?“
Oder anders verpackt: „Das steht dir aber vorteilhafter.“ Der weibliche Körper ist selten einfach nur ein Körper. Er ist immer wieder Thema, ein (Optimierungs-)Projekt und vor allem Bewertungsfläche. Du bist entweder zu dick, zu dünn, zu alt, zu faltig, zu grau, zu bunt, zu was auch immer. Bodyshaming tarnt sich gern als Smalltalk. Aber es ist kein Smalltalk. Es ist die Botschaft: Dein Wert ist sichtbar. Und bewertbar.
Meine Antwort ist schlicht: „Mein Körper ist kein Gemeinschaftsprojekt, er ist kein Diskussionsraum. Vor allem aber steht er nicht zur Verhandlung.“ Vor Kurzem habe ich über die Einordnung von „gealterten“ und nicht dem Schönheitsideal entsprechenden Frauen in Kambodscha und deren Stellenwert dort geschrieben. Hochinteresant. Den Artikel über die Apsara Grannies kannst du gerne hier lesen.
Gerade in meinem Coaching Bereich zum Thema Stress und Erschöpfung sehe ich, wie sehr Frauen glauben, sie müssten funktionieren – und dabei bitte auch noch „gut aussehen“. Aber: Wer Frauen dauerhaft mit ihrem Körper beschäftigt hält, hält sie von Machtfragen fern. Daher heißt für mich Feminismus auch: Ich investiere meine Energie nicht länger in Selbstoptimierung, sondern in Selbstbestimmung.
„Du hast dich doch freiwillig dafür entschieden.“
Kinder, Teilzeit, Pflege, Selbstständigkeit, Karrierepause, Neuanfang. Wer kennt das als Frau nicht? Frauenentscheidungen werden schnell individualisiert. Als wäre jede Entscheidung ein isolierter Akt völliger Freiheit. Doch Entscheidungen dieser Art entstehen in Strukturen. Wenn Care-Arbeit selbstverständlich bei Frauen landet, wenn Führungspositionen lediglich in Vollzeit gedacht werden,
wenn Teilzeit Karrieren bremst, dann ist „freiwillig“ ein sehr relativer Begriff. Klar, ich übernehme Verantwortung für meine Entscheidungen. Aber ich ignoriere die Rahmenbedingungen nicht mehr. Feminismus bedeutet für mich, Strukturen sichtbar zu machen – ohne Opferhaltung, aber auch ohne Verklärung.
„Andere Frauen schaffen das doch auch.“
Leider kommt dieser Satz auch immer wieder von anderen Frauen. Aber: Das ist kein harmloser Vergleich.
Es ist ein Disziplinierungsinstrument. Denn wenn andere es schaffen, musst du es auch schaffen. Wenn andere durchhalten, solltest du dich bitte nicht so anstellen.
Ich arbeite mit Frauen, die genau an diesem Satz zerbrechen. Funktionierende Perfektionistinnen, Pädagoginnen, die große Verantwortung tragen und Frauen, die dabei meist still sind. Sie gehen oft über ihre eigenen Grenzen, weil es „andere Frauen eben auch schaffen“ und landen im Burnout. Aber: Burnout ist kein Wettbewerb. Überlastung ist kein Charakterfehler. Solidarität ist kein Zeichen von Schwäche, sie ist Stärke. Ich vergleiche mich nicht mehr an der Erschöpfung anderer. Erschöpfung heißt, ich habe mir lange Zeit zu viel zugemutet und dabei ist es mir vollkommen egal, wie das andere Frauen machen.
Diese Sätze haben System
Diese ausgewählten fünf Sätze stehen nicht zufällig im Raum. Sie sind keine harmlosen Einzelmeinungen oder gar unbedachte Ausrutscher. Sie haben System. Was ich damit meine? Über Generationen sind Strukturen entstanden, in denen Macht, Einfluss und Deutungshoheit fast ausschließlich männlich geprägt waren — in Politik, Wirtschaft, Sprache und gesellschaftlichen Rollenbildern. Viele dieser Muster wirken bis heute fort. Daher sorgen Sätze wie die oben beschriebenen dafür, dass Frauen sich erklären. Aber auch, dass sie an sich zweifeln, sie leiser werden, sie sich anpassen, nicht widersprechen. Nicht, weil einzelne Männer das bewusst planen. Sondern weil kulturelle Muster sich hartnäckig halten. Es ist so viel einfacher, Frauen als „zu emotional“ einzuordnen, als sich mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen. Es ist bequemer, ihren Wert an Aussehen zu knüpfen, als ihre Kompetenz anzuerkennen. Und es stabilisiert bestehende Machtverhältnisse, wenn Überlastung als individuelles Problem gilt, statt als strukturelle Schieflage.
Feminismus bedeutet für mich unter anderem, diese Mechanismen sichtbar zu machen. Nicht um anzuklagen — sondern um zu verändern.
Was Feminismus für mich 2026 bedeutet
Feminismus heißt für mich nicht, gegen Männer zu kämpfen. Er heißt auch nicht, alles richtig zu machen. Und auch nicht, anderen Frauen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Gleichzeitig beobachte ich Bewegungen wie die sogenannte Tradwife-Strömung mit gemischten Gefühlen. Ja — Feminismus bedeutet Wahlfreiheit. Und selbstverständlich respektiere ich jede Frau, die sich bewusst für ein Leben als Hausfrau und Mutter entscheidet. Was mich nachdenklich macht, ist etwas anderes:
Dass alte Rollenbilder in neuem Glanz erscheinen oder finanzielle Abhängigkeit romantisiert wird, dass Unterordnung als „weibliche Energie“ verkauft wird oder der Rückzug ins Private als Lösung für strukturelle Überlastung erscheint. All das wirkt auf mich nicht wie Fortschritt, sondern wie ein Schritt zurück. Selbstbestimmung braucht echte Wahlfreiheit. Diese wiederum braucht Unabhängigkeit.
Feminismus heißt für mich sichtbar zu bleiben – egal in welchem Alter und mit welchen Päckchen wir daher kommen. Meine Grenzen klar zu benennen, wirtschaftlich unabhängig zu sein, keine „Retterrollen“ mehr zu übernehmen, meinen Körper nicht zur Verhandlungsmasse zu machen, Emotionen nicht zu verstecken, andere Frauen nicht als Konkurrenz zu sehen, Systeme zu hinterfragen statt mich selbst zu optimieren. Uff, ganz schön viel, aber nicht verhandelbar.
Und jetzt?
Zum Weltfrauentag wünsche ich mir keine Blumen oder Lobeshymnen auf das „schöne Geschlecht“. Ich wünsche mir Bewusstsein, Solidarität, dass wir uns gegenseitig nicht mehr klein halten — weder durch Kommentare noch durch Vergleiche. Unsere Rechte hier sind nicht selbstverständlich. Während wir diskutieren, ob ein Kompliment wirklich eins ist, kämpfen Frauen in anderen Teilen der Welt um elementare Freiheit.
Genau deshalb brauchen wir diesen Tag. Nicht als jährliches Ritual, sondern als Erinnerung.
Feminismus ist kein Lifestyle. Er ist eine Frage von Würde. Und Würde endet nicht an Landesgrenzen.
Wenn du heute etwas tun willst, fang klein an: Lass einen dieser Sätze nicht mehr stehen. Kommentiere keinen Körper. Relativiere keine Emotion. Vergleiche keine Frauen unter- und miteinander.
Und wenn du weitergehen willst: Informiere dich oder unterstütze Organisationen. Sprich darüber — nicht nur heute. Wir müssen nicht unbedingt laut werden. Aber wir dürfen klarer werden.
Solange wir da noch nicht weiter kommen, werde ich auch im nächsten Jahr einen weiteren Artikel zum Weltfrauentag schreiben.

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2 Kommentare
Stefanie
Hallo liebe Anette!
Ich habe deinen Blogbeitrag gelesen und Gänsehaut den ganzen Rücken hinauf über die Wangen bis in die Haarspitzen. Ich danke dir für deine ruhige Sicht auf das Thema „Feminismus“ und die ausgewählten Sätze, die sowie über unsere aufgeklärte und angeblich freiheitsliebende Gesellschaft sagen. Ich freue mich, dass du diesen Beitrag veröffentlicht hast.
Dr Laila Schmidt
Liebe Annette ,
ja genau so. Du sprichst mir aus dem Herzen.
De Beauvoir und alle anderen Vorstreiterinnen würden sich im Grab umdrehen, wenn sie Tradwife-Trend erlebten.
Verstehe ich nicht.
wie du sagst, anderswo kämpfen sie für Bildung, das Recht der Frauen füt Bildung, Landbesitz… und wir, die wir so viel Freiheit haben, legen diese freiwillig wieder ab? Was stimmt denn nicht?
Um so wichtiger, es gibt Stimmen, die es der Öffentlichkeit niederschreiben.
Danke dafür – werde dich in meinem Artikel verlinken
HG
Laila