
60 – und meine Jahre geben mir meine Haltung
Morgen werde ich 60. Zeit, um sich ein paar Gedanken zu machen. Das habe ich im letzten Jahr schon mal gemacht. Diesen Artikel, findest du hier. Dabei ging es allerdings ums Altern. Heute um Haltung.
Immer wieder werde ich in letzter Zeit gefragt: „Macht dir das nichts aus? 60?“. Ich liebe diese Frage. Sie kommt meistens mit leicht schräg gelegtem Kopf und mit diesem gewissen Unterton von: „Das muss doch was mit dir machen.“ Ich habe darüber nachgedacht und festgestellt: Ja. Es macht etwas mit mir.
Es macht mir etwas aus, dass Frauen mit 60 immer noch gefragt werden, ob sie damit klarkommen. Als wäre Sichtbarkeit ein Privileg der Jungen. Als wäre Kraft ein Zustand mit Ablaufdatum. Als müsste man sich langsam aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Ich ziehe mich nicht zurück. Mein morgiger Geburtstag macht tatsächlich etwas mit mir: Er macht mich klarer, vielleicht unbequemer. Vor allem aber: Es macht mich weniger bereit, mich klein zu machen. Und nein – ich werde nicht leiser.
Ich bin nicht mehr klein
Es gab eine Zeit, da wollte ich beweisen, wie gut ich bin und was ich alles kann. Vor allem dann, wenn Eltern in meiner ersten Stelle immer wieder meinten, mir an den Kopf werfen zu müssen, dass ich ja keine Kinder hätte und deswegen nicht mitreden könnte. Geht´s noch? Natürlich hatte ich Konzepte, fundierte Argumente, Fortbildungen und Methoden drauf. Das wollte ich zeigen: Dass ich kompetent bin, dass ich mehr bin als nur „die Sozialpädagogin“. Ich habe mich jedes mal vorbereitet, bevor ich sprach. Ich habe nachgelesen, bevor ich widersprach. Ich habe meine zwar noch kurze aber dennoch schon vorhandene Erfahrung relativiert und ich habe meine Klarheit verpackt.
Heute? Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, dass ich in meinem Job gut bin. Und ich weiß, was ich nicht mehr mit mir machen lasse.
Meine Expertise im System Schule
Als ich anfing, in der Schule zu arbeiten, habe ich immer überlegt, was und wie ich es sage. Manchmal auch, ob ich gewisse Dinge sage. Meine Direktheit wurde immer wieder zur Stolperfalle und nicht alle kamen damit zurecht. So habe ich mich immer wieder abgeschwächt und erst überlegt, wie ich etwas „verpacke“ . Aber: Ich kenne die Dynamiken, die Hierarchien oder gar die Machtspielchen. Heute sage ich etwas, wenn ich was zu sagen habe. Nicht respektlos, sondern eindeutig. Wenn jemand versucht, meine Expertise klein zureden, meine Erfahrung zu relativieren oder meine Haltung zu verwässern, dann bleibe ich stehen. Mit 60 muss ich niemandem mehr beweisen, dass ich weiß, wovon ich spreche. Ich spreche – und das reicht.
Keine Bittstellerin im Business
Mit meinem Start ins Online-Business war ich anfangs ebenfalls unsicher. Dieses: „Ich kann doch nicht so viel verlangen. Wer kauft dann noch meinen Kurs?“ Heute: Ich entschuldige meine Preise nicht. Ich relativiere meine Erfahrung nicht. Ich erkläre mein Angebot nicht mehr aus Angst.
Ich weiß, was ich anbiete und ich weiß, wem es hilft – und wem nicht. Ich rette nicht mehr die ganze Welt oder jeden. Kein Überreden oder hinterherziehen, wenn ich denke, dass jemand meine Hilfe bräuchte. Wenn du mit mir arbeiten willst – arbeite ich mit dir. Wenn du Ausreden suchst – such weiter. Das hätte ich früher nicht so klar gesagt. Heute schon.
60 heißt: Ich bin nicht mehr verfügbar für jeden.
Ich bin nicht verfügbar für Dauerjammern ohne Veränderungswillen, Methoden-Hopping, „Mach du mal“, verdeckte Erwartungen oder gar subtilen Respektmangel. Vielmehr bin ich verfügbar für Tiefe, für Verantwortung, für neue Perspektiven, für „echte“ Arbeit. Das ist keine Arroganz, das ist Selbstachtung.
60 ist unbequem ehrlich
Ja, 60 wäre mit Sicherheit noch schöner ohne die körperlichen Zipperlein. Wer etwas anderes behauptet, verdreht die Wahrheit. Der Rücken meldet sich. Das Knie diskutiert. Die Energie ist nicht mehr unendlich.
Ich brauche länger, um mich zu regenerieren, ich spüre Überlastung schneller, ich merke, wenn mein Nervensystem nicht mitspielt. Das ist leider die Kehrseite.
60 ist nicht Instagram-Filter-Altern. 60 ist nicht ewige Power. 60 ist auch:
- Grenzen, die der Körper setzt
- Müdigkeit, die nicht wegatembar ist
- Hormone, die sich nicht verhandeln lassen
Und weißt du was? Gerade das macht mich noch klarer. Ich habe keine Zeit mehr für Unsinn.
Mein Körper verhandelt nicht. Also tue ich es auch nicht mehr. Das habe ich viel zu lange gemacht.
Ich werde nicht weicher – ich werde präziser.
Früher wollte ich gefallen, nicht auffallen. Ich wollte überzeugen, dass ich kompetent bin. Ich hatte Angst, irgendwo anzuecken. Heute will ich stimmig und klar sein. Heute weiß ich auch: Wer aneckt, steht wenigstens für etwas.
Ich bin nicht härter oder verbittert geworden. Ich bin weniger verhandelbar geworden. Das ist ein Unterschied.
Ich muss nicht mehr nett sein
Ja, die freundliche Anette gibt es noch. Aber sie entschuldigt sich nicht mehr für Klarheit. Ich verpacke nicht mehr alles nett. Das heißt nicht, dass ich unfreundlich bin. Aber ich bin nicht mehr diplomatisch um jeden Preis. Wenn Dinge schieflaufen, dann benenne ich sie. Gerade im System Schule. Wenn Pädagoginnen sich aufreiben, dann sage ich nicht: „Du brauchst nur noch eine Methode.“ Ich sage: „Schau hin. Wo sind deine Ressourcen? Übernimm Verantwortung. Hör auf, dich zu retten. Und hör auf, dich kleinzumachen.“
Mit 60 habe ich keine Lust mehr, Symptome zu streicheln. Ich arbeite an der Wurzel.
Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit.
Nicht faltenfrei zu sein. Nicht jugendlich zu wirken oder energiegeladen bis Mitternacht durchzuhalten. Sondern: Nicht mehr um Erlaubnis zu fragen (egal, was). Nicht mehr zu hoffen, dass alle es verstehen. Nicht mehr zu warten, bis man „darf“. Ich darf. Ich bin 60.
60? – es macht mir nichts aus.
Es macht mir nichts aus, 60 zu werden. Es macht mir etwas aus, wenn erfahrene Frauen sich noch immer erklären müssen. Wenn wir zu hören bekommen „Für dein Alter….“. Wenn Kompetenz flüstert und die Klarheit sich entschuldigt. Wenn wir so tun, als müssten wir mit zunehmendem Alter kleiner werden, um irgendwann von der Bildfläche zu verschwinden. Ich werde nicht kleiner. Im Gegenteil: Ich werde dichter, schärfer, unabhängiger.
Mir nimmt keiner mehr die Butter vom Brot. Nicht in der Schule, nicht im Business, nicht in mir selbst.
Und noch etwas.
Graue Haare tun nicht weh. Genauso wenig wie Falten. Was weh tut, ist der Blick, mit dem wir sie betrachten. Was weh tut, ist die Erzählung, dass wir mit jedem Jahr an Wert verlieren. Dass wir uns zurücknehmen sollten. „Das trägt / macht man doch nicht mehr in deinem Alter“. Dass wir uns „noch gut gehalten“ nennen lassen. Ich halte mich nicht. Ich lebe.
Meine grauen Haare sind kein Makel. Sie sind gelebte Zeit. Meine Falten sind keine Schwäche. Sie sind Bewegung. Entstanden durch Lachen, Sorgen, Durchhalten, Begleiten oder Wachsen. Sie tun nicht weh. Was weh tut, ist, wenn wir uns dafür schämen.
Mit 60 trage ich mich anders. Nicht jünger oder perfekter. Sondern bewusster. Es kommt nicht darauf an, wie viele Jahre sichtbar sind. Es kommt darauf an, wie du sie hältst. Ob du dich entschuldigst, oder ob du dazu stehst.
Vielleicht schreibe ich das auch für dich.
Für die Pädagogin, die sich kleiner macht, als sie ist. Für die Selbstständige, die ihre Preise ständig relativiert. Für die Frau, die glaubt, sie müsse sich immer noch beweisen. Du musst nicht. Nicht mit 30, nicht mit 40 und ganz sicher nicht mit 60. Du bist gut. Nicht makellos oder unverwundbar. Aber gut. Und vielleicht beginnt Freiheit nicht mit faltenloser Haut – sondern mit der Entscheidung, dich nicht mehr zu verkleinern.
Ich werde 60. Und ich werde nicht leiser, nicht unsichtbarer, nicht gefälliger. Ich werde klarer.
Meine Jahre nehmen mir nichts – sie geben mir Haltung.

In den nächsten Tagen wird daraus etwas Konkretes entstehen und auf dieser Homepage veröffentlicht. Für Frauen, die längst gut sind – und sich nicht länger kleinmachen wollen. Wenn dich das hier berührt hat: Bleib dran.
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Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogdekade im Februar 2026 entstanden. Dies ist der 8. Artikel der jetzigen Blogdekade.
2 Kommentare
Bärbel
Stark Anette! Toller Artikel! Da werden sich etliche Frauen wieder finden!
Britta Langhoff
Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Club der sweet sixty !
Deinen Text unterschreibe ich genau so. 50 und unbequem ehrlich und überhaupt nicht leise. Das empfinde ich ganz genauso. Ich habe auch überlegt, ob die 60 was mit mir macht. Tat sie nicht. Bei mir war es eher die 55, die geklingelt und gesagt hat: Das und das und das auch noch hast Du alles nicht mehr nötig. Auch im Sinne der Selbstfürsorge.
Was aber was mit mir gemacht hat, war als mein Ältester 30 wurde. Das fand ich irgendwie als Meilenstein. Mit 30 ist man halt beim besten Willen kein Jugendlicher oder twentysomething mehr. Das mein kleiner Großer nun soweit war, da hab ich doch geschluckt.
Liebe Grüße
Britta