Persönliches

Muttertag, Blumensträuße und die Dinge, über die wir viel zu selten sprechen

Der Muttertag ist vorbei – und wie jedes Jahr hat er bei mir einige Gedanken und so manchen schalen Geschmack hinterlassen.
Ich war noch nie ein großer Fan dieses Tages, auch wenn ich als Kind gemeinsam mit meinen Geschwistern etwas für unsere Mutter und Großmütter vorbereitet habe. Mich nerven die Werbung, die Blumenrabatte, die „Jetzt noch schnell Danke sagen“-Mentalität und dieses Gefühl, dass Mutterschaft an einem einzigen Sonntag irgendwie abgearbeitet werden soll. Als würde ein Blumenstrauß ausgleichen können, was im restlichen Jahr fehlt.
Ganz ehrlich: Was sollen Mütter mit Blumen oder Kosmetik, wenn Wertschätzung nur einmal im Jahr sichtbar wird? Vielmehr sollte Aufmerksamkeit, Respekt und echtes Interesse nicht nur am zweiten Sonntag im Mai vorhanden sein – sondern übers ganze Jahr hinweg.

Wenn Muttertag zum Pflichtprogramm wird

Rund um den Muttertag entsteht jedes Jahr derselbe Druck: Kinder basteln in Schulen und Kindergärten Geschenke oder lernen Gedichte auswendig. Werbung suggeriert uns, welche Pralinen, Cremes oder Blumensträuße „wirklich Danke sagen“, und soziale Medien zeigen perfekte Familienmomente. Dabei ist die Realität oft viel komplizierter. Denn Muttertag ist nicht für alle Menschen ein leichter oder schöner Tag.
Für manche ist er schlicht ein weiterer Sonntag. Für andere ein Tag voller Schmerz. Genau das wird im ganzen Muttertags-Kitsch oft völlig übersehen.

Muttersein ist kein moralischer Orden

Was mich schon lange an diesem Tag stört:
Mutterschaft wird gesellschaftlich oft wie eine Art persönlicher Verdienst behandelt. Als wäre man automatisch liebevoller, wertvoller oder gar „vollständiger“, nur weil man Mutter ist.
Im Nationalsozialismus wurde das auf die Spitze getrieben: Mütter bekamen ein Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ als besondere Auszeichnung gestapelt nach Gebärfähigkeit. Damit wurde die Frau auf diese eine Aufgabe reduziert.
Aber unabhängig davon ist der Blick unserer Gesellschaft auf Mutterschaft immer noch verherrlichend. Dabei gibt es so viele Frauen ohne Kinder, ob gewollt oder ungewollt: Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben oder Frauen, die andere Menschen begleiten, tragen, pflegen oder versorgen – ganz ohne eigene Kinder.
Und gleichzeitig gibt es Mütter, die täglich kämpfen: mit Überforderung, Erschöpfung, mentaler Last oder Schuldgefühlen. Mutterschaft ist kein Heiligenschein. Und Nicht-Mutterschaft erst recht kein Mangel. Vielleicht täte uns gesellschaftlich ein etwas ehrlicherer Blick gut.

Mütter feiern – Frauen schützen?

Denn während am Muttertag überall Herzen und Dankesbotschaften auftauchen, Blumensträuße unterschiedlicher Größe auf Social Media gepostet werden, erleben Frauen weiterhin Gewalt – körperlich, psychisch, sexualisiert oder strukturell.

Ich wünsche mir, dass wir nicht nur einmal im Jahr über Mütter sprechen, sondern das ganze Jahr über Frauen — über Gewalt, die zu oft schweigend geduldet wird, über Männer, die mit einem #NotAllMen in die Deckung gehen, anstatt Position zu beziehen. Natürlich sind nicht alle Männer Täter. Darum geht es nicht. Es geht darum, Verantwortung nicht reflexartig von sich zu schieben, sondern hinzusehen:
auf gesellschaftliche Strukturen, auf Machtverhältnisse und auf eine Realität, die für viele Frauen nach wie vor belastend oder / und gefährlich ist. Wir sollten unsere Politiker in die Verantwortung nehmen, über Gesetze diskutieren und zeitnah verabschieden, die aktuell noch zu lange brauchen, um das zu schützen, was schon längst schützenswert wäre. Einen Tag feiern und Blumen verschenken ist leicht. Hinschauen das ganze Jahr ist unbequemer.
Manchmal denke ich:
Wir feiern Mütter – aber die gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen bleiben trotzdem erschreckend schwierig.

Eine weitere wichtige Perspektive

Gleichzeitig habe ich in diesem Jahr gemerkt, dass Muttertag eben doch mehr ist als Werbung und Kommerz.
Ich habe Menschen erlebt, für die dieser Tag unglaublich schmerzhaft ist, weil ihre Mutter fehlt. Menschen, die beim Anblick all der Blumen und Glückwünsche plötzlich traurig werden.
Und ich habe erlebt, wie junge Mütter plötzlich beginnen zu verstehen, was ihre eigenen Mütter über Jahre hinweg getragen, organisiert, ausgehalten und oft still geleistet haben. Da ist die mentale Last / der mentale overload, die Verantwortung, das ständige Mitdenken und Funktionieren. Wie viel später begreifen wir, wie viel Liebe oft genau darin gesteckt hat. Nicht in den perfekten „instagramable“ Momenten, sondern im Alltag. Diese Erkenntnis hat mich tief berührt, denn vieles davon habe ich bisher so nicht gesehen.

Muttertag als Spiegel?

Vielleicht ist Muttertag deshalb gar nicht einfach nur ein Feiertag, sondern eher ein Spiegel für all das, was ich bisher aufgezählt habe: für Liebe, für Verlust, für Überforderung, für Dankbarkeit, für gesellschaftliche Erwartungen, für ungelöste Konflikte und manchmal auch für Trauer, für die Kritik am Kommerz, für Sehnsucht nach echter Wertschätzung, aber auch für Wut, und wieder für Dankbarkeit und Liebe.

Was ich mir wünsche

Ich glaube, mein Problem ist nicht der ursprüngliche Gedanke hinter dem Muttertag. Eine Art Verehrung von Müttern geht bereits bis in die Antike zurück.
Der eigentliche (moderne) Muttertag ist in den Vereinigten Staaten entstanden. Aber auch nicht als kommerzieller Tag, wie du vielleicht vermuten würdest, sondern durch die Frauenrechtlerin Julia Ward Howe, die während der Zeit der Sklaverei 1870 einen „Muttertag des Friedens“ schaffen wollte. Erst Jahrzehnte (1914) später wurde der zweite Sonntag im Mai als nationaler Ehrentag in Amerika eingeführt. Grund dafür war die Feministin Anna Jarvis, die einen Festtag für alle Mütter forderte, um auf Probleme von Frauen aufmerksam zu machen (und um ihre eigene verstorbene Mutter zu ehren).
Von da aus nahm der Muttertag seinen Weg nach Europa, wo er 1923 in Deutschland erstmalig gefeiert wurde. Allerdings aus der Initiative des „Verbandes Deutscher Blumengeschäftsinhaber“ heraus, also rein kommerziell – wie heutzutage eben auch.

Was ich mir wünsche ist, dass die Dinge, die ich oben aufgeführt habe, nicht an diesen einzigen Tag hängen bleiben. Ich wünsche mir echte Aufmerksamkeit im Alltag, sichtbare Fürsorge statt symbolischer Gesten und Kommerz, mehr gesellschaftliche Verantwortung für die Situation von Frauen und einen ehrlicheren Blick auf das, was Frauen tagtäglich leisten. Nicht nur im Mai, sondern immer.

Dir gefällt, was du hier liest? Dann verpasse keinen meiner Newsletter. „Deine Freitags-Denkpause“ enthält Impulse für dich, wenn dein Kopf zu voll ist, dein Alltag dich auffrisst und du irgendwo zwischen Verantwortung und Erschöpfung dich selbst ein Stück verloren hast.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert