
Schweigen schützt – nur nicht die Betroffenen
Gestern erschien die Dunkelfeldstudie LeSuBiA zur Gewaltbetroffenheit von Frauen und Männern. Ein Grund, der mich heute diesen Artikel schreiben lässt.
Warum mich LeSuBiA betrifft
Ich beschäftige mich nicht erst seit Kurzem mit Gewalt gegen Mädchen und Frauen. In meiner beruflichen Laufbahn als Sozialpädagogin landete ich mit meiner ersten Stelle völlig unvorbereitet in einer Wohngruppe für Mädchen, von denen acht von neun eine Missbrauchsgeschichte hatten, bei dem 9. Mädchen wurde sie vermutet. Unnötig zu sagen, dass mich diese Arbeit in meiner Probezeit an meine damaligen beruflichen und persönlichen Grenzen brachte und ich sogar überlegte, dort aufzuhören. Den Wendepunkt brachte das Gespräch mit einem Mädchen, dessen Bezugsperson ich war. Ich entschied zu bleiben und machte das Thema fortan zu meinem Schwerpunkt. Auch in meiner Arbeit als Schulsozialarbeiterin war meist ich diejenige, bei der die Missbrauchsfälle landeten. Mädchen- und Frauenarbeit ist für mich mittlerweile ein Herzensthema. Der Logik folgend begann ich 2003 Selbstbehauptungskurse an Schulen zu geben. In der Trilogie aus Kriminologie, Sport und Psychologie erreichten wir viele Mädchen und haben ihnen hoffentlich einen kleinen Werkzeugkoffer an die Hand geben können, wie sie bestimmte Handlungen einzuordnen haben und wie sie reagieren können. Ich habe viele Geschichten gehört und viele Muster erkannt. Und ich habe gelernt, dass, nur weil ich mir bestimmte Dinge nicht vorstellen kann, sie dennoch existieren.
Gerade deshalb lese ich Studien wie die aktuelle Dunkelfeldstudie LeSuBiA aufmerksam.
Was ist LeSuBiA?
LeSuBiA bedeutet Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag. Nachdem das BMBFSFJ (Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend) zwei Studie 2004 zur Gewaltbetroffenheit zum einen von Frauen und zum anderen von Männern durchgeführt hat (Studie 2004 für Frauen findest du hier, die für Männer hier), gab es jetzt eine bewusste Entscheidung, einen geschlechtsübergreifenden Ansatz zu wählen. Unter anderem war der Inhalt der Befragung folgender: “Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erhebung von Gewalterfahrungen in (Ex-) Partnerschaften, sexualisierter Gewalt und Gewalt im digitalen Raum. Ziel dabei ist es auch, Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede im Dunkelfeld zu gewinnen. Erfahrungen mit der Polizei, Justiz oder Opferhilfeangeboten werden in der Studie ebenfalls berücksichtigt.” (Quelle).
Die Dunkelfeldstudie vom Bundeskriminalamt (BKA) als Projektleitung. Veröffentlicht wurde sie gemeinsam durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), das Bundesministerium des Innern (BMI) und das Bundeskriminalamt (BKA). Wenn du mehr zu LeSuBiA oder zur Studie selbst lesen willst, dann kannst du das hier tun.
Ich habe bisher die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse auf der offiziellen Homepage gelesen, nicht die einzelnen Themenhefte dazu. Ich gebe hier auch nur einen kurzen Auszug und meine Haltung dazu wieder. Leider hat mir die Studie nichts völlig Neues erzählt. Vielmehr macht sie das, was längst bekannt ist, offiziell, sichtbar und damit auch unübersehbar.
Diese Studie schockiert mich nicht. Sie macht etwas anderes: Sie führt noch einmal sehr klar vor Augen, was Fakt ist. Genau das ist unbequem.
Unter fünf Prozent – eine Zahl, die nichts beschönigt
Das Resultat der Dunkelfeldstudie LeSUBIA ist ebenso nüchtern wie erschütternd: Unter fünf Prozent der Fälle häuslicher oder sexualisierter Gewalt werden angezeigt.
Diese Zahl steht nicht für wenig Gewalt, sie steht vielmehr für viel Schweigen. Außerdem steht sie für ein System, in dem Schweigen oft die vermeintlich vernünftigere Entscheidung ist.
Wer befragt wurde – und warum das relevant ist
Befragt wurden Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren. Allein dieser Altersrahmen macht deutlich, dass Gewalt gegen Frauen kein Randthema bestimmter Lebensphasen ist. Sie ist kein Jugendproblem, kein Beziehungsproblem, kein Problem „der anderen“. Es wird ersichtlich, dass sich die Gewalt durch viele unterschiedliche Lebensläufe zieht.Und sie ist verbreitet. Zum Beispiel erlebt jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt. Das ist kein Ausnahmefall. Das ist statistische Realität!
Gewalt ist nicht gleich verteilt
Ein weiterer Befund der Studie zeigt glasklar (und lässt wenig Raum für Relativierungen):
Die Gewalt gegen Frauen ist ungleich höher und massiver als Gewalt gegen Männer. Versteh mich nicht falsch: Das ist kein moralisches Urteil. Es ist eine Feststellung.
Besonders deutlich wird das bei Gewalt in Partnerschaften. Laut Studie geht diese Gewalt zu 98 Prozent von Männern aus. Bei sexualisierter Gewalt sind es 90 Prozent, bei digitaler Gewalt 70 Prozent männliche Täter.
Diese Zahlen beschreiben kein Missverständnis zwischen zwei Seiten. Sie beschreiben Machtverhältnisse. Gewalt gegen Frauen ist in der überwältigenden Mehrheit männlich ausgeübt – und strukturell eingebettet.
Warum Anzeigen oft keine Option sind?
Die vielleicht eindrücklichste Zahl der Studie lautet:
Jede fünfte Frau, die Gewalt durch ihren Partner erlebt hat, hat Angst um ihr Leben. Diese Angst ist keine Überempfindlichkeit. Sie ist eine Einschätzung der Lage. Wer Angst um sein Leben hat, fragt nicht nach moralischer Verpflichtung. Sie fragt nach Sicherheit. Dabei lautet oft die Antwort: Anzeigen macht es nicht sicherer – zumindest nicht sofort, manchmal vielleicht auch gar nicht. Denn: Anzeigen kann Eskalation bedeuten, den Verlust von Kontrolle oder sogar noch mehr Gewalt. Mehr Bedrohung oder auch mehr Abhängigkeit. Schweigen ist in solchen Situationen kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Strategie, um zu überleben.
Was Schweigen für Betroffene bedeutet
Schweigen ist nicht leer. Es ist nicht neutral. Vielmehr hat es eine Funktion – und einen Preis. Viele Betroffene schweigen nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Sie schweigen, weil Sprechen riskant ist. Weil sie nicht sicher sind, ob ihnen geglaubt wird. Weil sie befürchten, dass es schlimmer wird. Oder weil sie gelernt haben, dass ihre Wahrnehmung infrage gestellt wird. Schweigen ist für sie oft ein Versuch, Kontrolle zu behalten. Aber Schweigen wirkt ins Innere. Es bedeutet, Erlebtes allein tragen zu müssen. Aber auch: die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung nicht korrigieren zu können, Wut, Scham oder Angst nicht einordnen zu dürfen. Es bedeutet, die Verantwortung für die Stabilität der Situation selbst zu übernehmen – auch wenn man sie nicht verursacht hat.
Viele Betroffene berichten von inneren Konflikten: Sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig wissen sie, dass Offenlegung Konsequenzen hat. Ihr Schweigen kann kurzfristig schützen. Langfristig jedoch kann es isolieren. Es kann dazu führen, dass Betroffene beginnen, sich selbst zu relativieren. Manchmal reden sie das Erlebte klein, um es aushalten zu können. Damit nehmen sie ihre eigenen Grenzen weniger ernst. Nicht, weil sie schwach sind – sondern weil sie in einem System navigieren, das Sicherheit nicht garantiert.
Wichtig: Schweigen ist deshalb kein Zeichen von Zustimmung. Es ist häufig ein Zeichen von Anpassung an reale Gefahren. Und genau das macht es so schwer sichtbar.
Unter fünf Prozent – und die falsche Frage
Da drängt sich doch die Frage auf: “Warum zeigen so wenige Frauen Gewalt an?”
Die ehrlichere Frage wäre jedoch: “Warum sollten sie es tun?”
Solange Anzeigen riskanter ist als Schweigen, ist Schweigen rational. Wenn der Schutz der Frauen unsicher ist, ist Zurückhaltung nur allzu logisch, leider. Solange Verantwortung individualisiert wird, bleibt das System unangetastet.
Unter fünf Prozent sind kein individuelles oder sogar privates Problem. Sie sind in meinen Augen ein Sicherheitsproblem.
Kein privates Problem – auch wenn es im Privaten passiert
LeSuBiA macht eines sehr deutlich: Gewalt gegen Frauen ist kein privates Problem.
Ja, sie findet häufig im Privaten statt. Privat heißt in diesem Falle in Partnerschaften, in Familien oder in digitalen Räumen. Aber ihre Ursachen, ihre Muster und ihre Folgen sind gesellschaftlich. Ein System, in dem Frauen rational entscheiden, Gewalt nicht anzuzeigen, ist kein System, das schützt. Es ist ein System, das Risiken verlagert – und Verantwortung abgibt.
Nicht die Anzeigequote ist das Problem. Die Bedingungen, unter denen sie entsteht, sind es.
Wer besonders betroffen ist
Die Studie zeigt außerdem, dass Gewaltbetroffenheit nicht gleich verteilt ist:
- Frauen aus der LSBTIQ*-Community sind häufiger von Gewalt betroffen als Frauen in der übrigen Bevölkerung. Das verweist auf zusätzliche Diskriminierungen und Abhängigkeiten, die Risiken erhöhen und Handlungsspielräume weiter einschränken.
- Auch das Alter spielt eine Rolle: Jüngere Frauen sind bei nahezu allen Gewaltformen deutlich häufiger betroffen als ältere. Das betrifft häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt und digitale Gewalt.
- Ebenso sind Frauen mit Migrationshintergrund häufiger und oft auch von stärkerer Gewalt betroffen
Digitale Gewalt ist dabei im Übrigen kein harmloses Nebenfeld. Vielmehr ist sie real. Sie beeinflusst Sicherheit, Bewegungsfreiheit, berufliche und soziale Teilhabe. Vor allem: sie endet nicht am Bildschirm.
Wegschauen ist keine neutrale Haltung
Trotz all dieser Zahlen hält sich immer noch eine bequeme Einstellung hartnäckig: Gewalt ist ein individuelles Problem. Oder eine schwierige Beziehung. Ein persönliches Drama, ein Einzelfall. Nichts, was einem etwas angeht.
Diese Erzählung entlastet die Gesellschaft. Und genau das macht sie so wirksam. Warum? Wegschauen tarnt sich gern als Respekt oder Zurückhaltung vor der Privatsphäre. “Man” mischt sich nicht ein. Doch das Wegschauen ist keine neutrale Haltung. Es stabilisiert die Ist-Zustände. Schweigen entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wird ermöglicht durch eine Umgebung, die signalisiert: “Sprich besser nicht. Sonst wird es kompliziert, oder sogar gefährlich. Zumindest wird es unangenehm”.
Schweigen schützt – nur nicht die Betroffenen.
Es schützt Strukturen oder das bequeme Nicht-Zuständig-Sein. Aber es schützt nicht diejenigen, die Gewalt erleben.
Prävention beginnt vor der Anzeige
Wenn diese fünf Prozent nicht als Normalität hingenommen werden sollen, braucht es mehr als Appelle an Betroffene. Prävention beginnt nicht bei der Anzeige. Sie beginnt bei Sichtbarkeit. Um das verstehen zu können, benötigt es vor allem mehr Information und die Bereitschaft, Gewalt nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn sie aktenkundig wird.
Studien wie LeSuBiA gehören nicht nur in Fachkreise. Sie gehören vor allem in die Öffentlichkeit, in Ausbildungen, in pädagogische Kontexte, in die politische Debatte, in Schulen und sonstigen pädagogischen Kontexten. Nicht als “Empörungsvorlage”, wie schlimm das ja alles sei, sondern als Realität. Mehr Publikationen bedeuten nicht mehr Drama, sondern weniger Unsichtbarkeit.
Schluss
- Diese Studie fordert keinen Appell an Frauen. Sie fordert einen Perspektivwechsel.
- Unter fünf Prozent stehen nicht für fehlenden Mut. Sie stehen für reale Angst, reale Abhängigkeiten und reale Gefahren.
- Solange Schweigen als sicherer gilt als Sprechen, solange Wegschauen als neutral gilt, solange Gewalt gegen Frauen als privates Problem verhandelt wird, schützt dieses Schweigen vieles. Nur nicht die Betroffenen.

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Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogdekade im Februar 2026 entstanden. Dies ist der 1. Artikel der jetzigen Blogdekade.
2 Kommentare
Sadhana
Was für ein großartiger Artikel! Schwer zu lesen, weil er mich sehr aufwühlt, und gleichzeitig kein Grund, sich nicht mit dem Thema zu beschäftigen. Wegschauen und kleinreden ist keine Option!
Nicole
Puh, deine Einordnung dieser Studie ist verstörend als diese selbst. Schweigen aus Angst um das eigene Leben, aus Perspektivlosigkeit. Das ist furchtbar!
Ich finde, dein Text gehört nicht nur auf deinen Blog, sondern in die Zeitung, als Leserbrief oder Gastbeitrag oder…
So würden noch viel mehr Menschen von dieser wichtigen Einordnung erfahren. Danke dir dafür, vorher hatte diese Studie in mir mehr Fragen als Antworten hervorgerufen. Jetzt verstehe ich besser, warum schweigen so oft als die wohl einzig richtige Wahl erscheint…