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Ohne Spielen ist ein Leben möglich, aber nicht sinnvoll

Als ich Ulrike Wolfs Aufruf zur Blogparade „3 Spiele, die mich begleiten“ las, musste ich nicht lange überlegen, ob ich etwas dazu schreiben könnte. Eher stellte sich mir die Frage, wie ich mich auf drei Spiele beschränken sollte. Spielen begleitet mich schließlich nicht nur seit meiner Kindheit, sondern zieht sich durch mein gesamtes Leben: durch meine Familie, meine Partnerschaft, die Kindheit unserer Tochter, Freundschaften und meine berufliche Arbeit.

Ich könnte also von sehr viel mehr als drei Spielen erzählen. Trotzdem gibt es einige, die immer wieder auftauchen und mit denen ich bestimmte Lebensphasen verbinde. Malefiz gehört für mich unbedingt dazu, ebenso Zug um Zug und das kleine Würfelspiel Nochmal. Sie stehen stellvertretend für viele andere Spiele, die mich begleitet haben – und für das, was Spielen für mich bedeutet.

Spielen, bauen und Regeln notfalls neu erfinden

Meine Spielebegeisterung begann vermutlich schon mit den Legosteinen, mit denen mein Bruder und ich stundenlang gespielt haben. Aus einer großen Legokiste erbauten wir Dinge, die man mit den vorhandenen Steinen eigentlich gar nicht bauen konnte. Zumindest nicht so, wie sie in irgendeiner Anleitung vorgesehen waren. Das hielt uns allerdings nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen und am Ende irgendeine Lösung zu finden.

Vielleicht lag genau darin der Reiz: Wir mussten nicht nur etwas nachbauen, sondern konnten ausprobieren, verändern, improvisieren und unsere eigenen Ideen entwickeln. Wenn ein Stein fehlte, wurde eben ein anderer genommen. Wenn eine Konstruktion nicht hielt, bauten wir sie um. So entstanden die wildesten Gebilde und Gebäude. Zum Beispiel bauten wir einen “Fotoapparat”, ähnlich einem Polaroid Foto. Wir malten vorher kleine Bilder, die wir unserem Gegenüber überreichten, nachdem wir sie mit dem Apparat “fotografiert” hatten.

Daneben wurde bei uns in der Familie, aber auch mit der Nachbarschaft viel gespielt. Mit meinen Eltern, meinen Großeltern und natürlich mit meinem Bruder. Mikado, Malefiz, Rommé und andere Kartenspiele gehörten ebenso dazu wie Spiele draußen, Schatzsuchen und all die Spiele, die damals vermutlich jedes Kind kannte: Kästchenhüpfen, Wettrennen, etc.

Spielen bedeutete in meiner Kindheit und Jugend ohnehin nicht nur, um einen Tisch zu sitzen und Figuren über ein Brett zu schieben. Wir spielten Gummitwist, Völkerball und alle möglichen anderen Ball- und Bewegungsspiele. Es brauchte dafür nicht viel: ein paar Mitspielerinnen und Mitspieler, einen Ball, ein Gummiband oder Kreide für Linien auf dem Boden. Die Regeln wurden erklärt, ausgehandelt oder je nach Situation auch ein wenig angepasst – und dann ging es los.

Drei Sommer beim Spielbus

Wie sehr mich das Spielen schon damals interessierte, zeigte sich auch in meiner Jugend. Drei Jahre hintereinander arbeitete ich beim Spielbus des Kreisjugendrings mit. Der Spielbus fuhr verschiedene Orte an und brachte Spiele, Materialien und Bewegungsmöglichkeiten dorthin, wo Kinder lebten.

Dabei ging es nicht nur darum, Spielgeräte auszuladen und Kinder zu beschäftigen. Wir mussten Spiele erklären, Gruppen zusammenbringen, Ideen entwickeln und manchmal auch Streit schlichten. Nicht jedes Kind kannte die jeweiligen Regeln, nicht jedes wollte dasselbe spielen und natürlich wollten viele am liebsten gleichzeitig an das beliebteste Spielgerät. Ich glaube, das war damals ein großes Trampolin. Aber auch Improtheater war zu dieser Zeit schon in. Masken wurden selbstverständlich selbst gebaut mit Gipsverbänden.

Mich faszinierte schon damals, was durch Spiele entstehen konnte. Kinder, die sich vorher nicht kannten, kamen miteinander in Kontakt. Andere trauten sich plötzlich etwas zu, was sie vorher nicht versucht hatten. Manche erfanden eigene Varianten und entwickelten das vorhandene Spiel einfach weiter.

Eine Zeit lang überlegte ich sogar, eine Ausbildung zur Spielpädagogin zu machen. Am Ende ging mein beruflicher Weg in eine andere Richtung. Rückblickend betrachtet ist das Spielpädagogische trotzdem immer ein Teil meiner Arbeit geblieben.

Murmeln, Fäden und Spiele, die nicht viel brauchen

Ein Blick in eine meiner “Murmelschatzkisten”

Auf einer der Spielemessen in Remscheid wurde ich später wieder an Spiele erinnert, die ich schon aus meiner Kindheit kannte und die mit erstaunlich wenig Material auskommen: Murmel- und Fadenspiele. Dort wurden Fadenspiele nicht nur in der kleinen Variante gezeigt, bei der eine Schnur zwischen den Händen hin und her wandert, sondern auch im großen Format, bei dem mehrere Menschen gemeinsam Figuren und Formen entstehen lassen.

Solche Spiele mag ich besonders. Sie brauchen keine umfangreiche Ausstattung, keine halbe Stunde Regelstudium und keinen sorgfältig vorbereiteten Spieltisch. Meist reichen ein paar Murmeln, ein Faden, einige Streichhölzer oder wenige andere Utensilien, und die Regeln sind schnell erklärt. Trotzdem verlangen sie Geschicklichkeit, Konzentration, räumliches Denken und manchmal auch eine gehörige Portion Geduld.

Streichholzspiele gehören für mich ebenfalls in diese Kategorie. Einige Hölzer werden umgelegt, und plötzlich soll daraus eine neue Figur, eine richtige Rechnung oder eine vollkommen andere Lösung entstehen. Oft sieht die Aufgabe zunächst ganz einfach aus, und dann sitzt man davor und denkt: Das kann doch nicht so schwer sein. Kann es aber, glaub mir.

Auch Gedulds- und Knobelspiele wie der Rubik’s Cube haben mich immer fasziniert. Erst wird gedreht, dann noch einmal gedreht – und irgendwann stellt man fest, dass der Würfel vorher vermutlich doch näher an der Lösung war. Etwas auseinandernehmen ist meistens schnell geschafft, es anschließend wieder zusammenzusetzen dagegen weniger. Gerade darin liegt für mich der Reiz: ausprobieren, verwerfen, von vorn beginnen und irgendwann doch den entscheidenden Dreh finden.

Sudokus und andere Denkspiele begleiten mich ebenfalls. Dabei brauche ich keine Mitspieler, keinen großen Tisch und nicht einmal eine Spielanleitung. Es reichen Papier und Stift oder inzwischen auch das Handy. Ich mag dieses Versinken in einer Aufgabe, bei der für eine Weile alles andere in den Hintergrund rückt. Es geht nicht darum, gegen jemanden zu gewinnen, sondern darum, eine Lösung zu finden – und manchmal auch darum, sich nicht von neun kleinen Zahlenfeldern persönlich provozieren zu lassen.

Seit der Spielemesse in Remscheid sammle ich außerdem außergewöhnliche Murmeln: große, kleine, schimmernde, gemusterte und solche, bei denen ich mich frage, ob man damit wirklich spielen oder sie doch lieber nur anschauen sollte – oder aber auch zuhören, wie z.B. bei Murmeln mit kleinen Glöckchen innen. Wahrscheinlich ist das Sammeln selbst inzwischen schon eine Art Spiel geworden.

Ich glaube, dass mich an diesen einfachen Spielen ihre Zugänglichkeit begeistert. Man braucht wenig, kann schnell beginnen und trotzdem lange damit beschäftigt sein. Manche spielt man gemeinsam, andere allein. Es braucht nicht viel, damit Spiel entsteht – manchmal reichen eine Murmel, ein Stück Schnur, ein paar Streichhölzer oder ein noch ungelöstes Sudoku.

Malefiz – ein Spiel, das immer wieder auftaucht

Eines der Spiele, das sich durch mehrere Phasen meines Lebens gezogen hat, ist Malefiz. Ich habe es bereits als Kind gespielt und später während unserer Studienzeit wieder hervorgeholt.

Mein Mann war damals längst nicht so spielebegeistert wie ich. In seiner Familie hatten Brettspiele offenbar keine besonders große Rolle gespielt. Er kannte einige Klassiker wie Schach, Halma und Monopoly, aber diese ausgeprägte Lust, immer wieder neue Spiele auszuprobieren, musste er mit mir erst kennenlernen.

Monopoly gehörte übrigens nicht zu den Spielen, mit denen er mich begeistern konnte. Als Kind hatte ich es mit den Nachbarskindern teilweise ein ganzes Wochenende lang mit neuartigen regeln und Kreditvergaben gespielt. Vielleicht reicht das dann auch fürs Leben. Heute mag ich es jedenfalls überhaupt nicht mehr.

Noch weniger Freude habe ich an Risiko. Das dauert mir zu lange, und außerdem wird mir dabei zu viel erobert, angegriffen und vernichtet. Natürlich könnte man sagen, dass es doch nur ein Spiel ist. Aber offenbar möchte ich selbst auf dem Spielbrett lieber Eisenbahnstrecken bauen, als andere Länder einzunehmen.

Während unserer Studienzeit trafen mein Mann und ich uns regelmäßig mit einem befreundeten Paar zum Spielen. Mit ihnen probierten wir Therapy aus, um festzustellen, dass das gar nichts für uns war, oder Mad, ein Spiel der damaligen Zeitschrift “Mad” (wer kann sich noch erinnern?). Es waren diese Abende, an denen wir gemeinsam am Tisch saßen, aßen, redeten, lachten, uns ärgerten und natürlich versuchten, den anderen möglichst geschickt Steine in den Weg zu legen.

Zu zweit war in dieser Zeit wieder Malefiz hoch im Kurs, ebenso wie Laska. Vielleicht mag ich das Spiel gerade deshalb bis heute: Es ist einfach, aber nicht langweilig. Man kann sich gegenseitig ärgern, ohne gleich einen ganzen Kontinent besetzen zu müssen, und eine Partie dauert normalerweise nicht bis zum nächsten Morgen.

Aus einem Nichtspieler wird ein Spieleerfinder

Mein Mann lernte das Spielen mit mir nicht nur kennen. Irgendwann hatte er so viel Freude daran, dass er selbst ein Spiel entwickelte. Er entwarf es, baute es und vertrieb es anschließend sogar selbst. Der Marble Shooter war geboren.

Aus dem Mann, der nur einige wenige Brettspiele kannte, war damit ein Spieleerfinder geworden. Das finde ich bis heute bemerkenswert – und ein wenig amüsant. Offenbar kann meine Spielebegeisterung durchaus ansteckend sein.

Dabei blieb es nicht. Nebenberuflich baute mein Mann einen eigenen Spieleverleih auf. Dort gibt es vor allem große Spiele, die bei Veranstaltungen, Festen oder Gruppenaktionen eingesetzt und gemietet werden können. Dazu gehören Geschicklichkeits- und Gleichgewichtsspiele, Bewegungsspiele und sogar ein Zorb, also ein riesiger aufblasbarer Ball, in den man hineinklettern kann.

Damit bekam das Spielen in unserer Familie noch einmal eine ganz andere Dimension. Es fand nicht mehr nur am Tisch statt, sondern brauchte plötzlich Platz, Bewegung und manchmal auch ein wenig Mut. Statt Karten zu ziehen oder Würfel zu werfen, mussten Menschen balancieren, gemeinsam Aufgaben lösen oder sich in ungewöhnlichen Spielgeräten zurechtfinden.

Die Suche nach guten Spielen für zwei

Da mein Mann und ich schon früh gerne miteinander spielten, suchten wir immer wieder nach Spielen, die auch zu zweit gut funktionieren. Davon gab es damals gar nicht so viele – oder zumindest nicht so viele, die wir kannten.

Deshalb hielten wir überall die Augen offen, tauschten uns mit anderen Spielebegeisterten aus und landeten schließlich auch auf Spielemessen. Dort konnten wir neue Spiele entdecken, ausprobieren und uns beraten lassen. Über diese Kontakte lernten wir ein Paar kennen, die immer wieder die neuesten Kartenspiele eines Verlages mitbrachte, die sich gut zu zweit und später auch zu dritt spielen ließen. Denn irgendwann war das Tochterkind alt genug, um mitzuspielen.

Spielen als Familientradition

Auch mit unserer Tochter wurde viel gespielt. Wir führten sie früh an kleine Karten- und Reisespiele heran, die man schnell in einen Rucksack stecken und überall hervorholen konnte. Vier gewinnt, Stadt, Land, Fluss und andere kleine Spiele begleiteten uns unterwegs, im Urlaub oder dann, wenn Warte- oder Fahrtzeiten überbrückt werden mussten.

Auch ihre Kindergeburtstage kamen selbstverständlich nicht ohne Spiele aus. Es gab Schatzsuchen, verschiedene Motti und Spiele, die ich noch aus meiner eigenen Kindheit kannte. Dazu gehörten beispielsweise Mehlschneiden und Schokolade essen – Spiele, die manche Kinder gar nicht mehr kannten und die trotzdem oder gerade deshalb für Begeisterung sorgten.

Beim Schokoladeessen musste man würfeln und bei einer bestimmten Zahl möglichst schnell Mütze, Schal und Handschuhe anziehen, um anschließend mit Messer und Gabel eine eingepackte Tafel Schokolade zu bearbeiten. Währenddessen würfelten die anderen natürlich weiter und hofften darauf, einem die mühsam erkämpfte Schokolade sofort wieder wegnehmen zu können. Pädagogisch wertvoll war das vermutlich nur bedingt. Lustig war es auf jeden Fall.

Schon meine Mutter hatte die Tradition, zu Weihnachten ein Spiel für die Familie zu kaufen. Diese Tradition habe ich übernommen. Auch bei uns lag deshalb an Weihnachten häufig ein neues Spiel unter dem Baum, das wir zu dritt oder auch zu zweit spielen konnten. Nicht jedes davon wurde zum Dauerbrenner. Manche Spiele spielten wir einige Male und dann nie wieder. Andere sind geblieben.

Zug um Zug – gemeinsam unterwegs und trotzdem gegeneinander

Zu den Spielen, die uns seit vielen Jahren begleiten, gehört Zug um Zug. Ich mag daran, dass es leicht zu verstehen ist und man trotzdem überlegen und planen muss. Man baut seine Strecken, sammelt Karten und versucht, verschiedene Städte miteinander zu verbinden. Natürlich kann auch dieses Spiel sehr friedlich beginnen und im Laufe der Zeit eine gewisse Dynamik entwickeln. Spätestens dann, wenn jemand genau die Strecke belegt, die man selbst dringend gebraucht hätte, ist es mit der reinen Reiselust vorbei.

Wir spielen bei uns nicht immer leise und gesittet. Der Ton kann durchaus etwas rauer werden. Wir wissen allerdings, wie es gemeint ist, und normalerweise sind nach dem Spiel sämtliche strategischen Gemeinheiten wieder vergessen.

Zug um Zug gehört außerdem zu den Spielen, die wir mit einer befreundeten Familie spielen, die wir nach unserem Umzug von München nach Bonn kennengelernt haben. Auch dort wird gerne und viel gespielt. Mit der Zeit sind so unsere gemeinsamen Familienspiele entstanden, auf die wir immer wieder zurückgreifen.

Wir gehen miteinander auf Spielemessen, schauen uns Neuheiten an, lassen uns Spiele erklären und nehmen manchmal auch etwas Neues mit. Am Ende landen jedoch erstaunlich oft wieder die vertrauten Schachteln auf dem Tisch. Vielleicht ist das bei Spielen ähnlich wie bei Lieblingsbüchern oder bestimmten Gerichten: Man ist neugierig auf Neues und kehrt trotzdem gerne zu dem zurück, was sich bewährt hat.

Nochmal – klein, unkompliziert und erstaunlich hartnäckig

Einlaminiert, damit wir die Blätter immer wieder verwenden können

Das dritte Spiel, das mich heute begleitet, ist Nochmal. Es ist klein, schnell erklärt und lässt sich ohne großen Aufwand spielen. Man braucht keinen riesigen Tisch, muss nicht erst eine halbe Stunde lang Spielmaterial sortieren und auch keine umfangreiche Anleitung studieren. Trotzdem kann man sich dabei wunderbar ärgern. Vor allem über sich selbst, wenn man die falschen Felder angekreuzt oder eine Kombination übersehen hat. Oder über die Mitspieler, obwohl die meistens gar nichts dafür können.

Nochmal ist eines dieser Spiele, bei denen aus einer Runde schnell eine zweite wird. Der Name ist also durchaus passend. Es kann unkompliziert mitgenommen werden und funktioniert auch dann, wenn niemand Lust auf einen langen Spieleabend hat. Wir haben es uns kurz vor Corona gekauft, es war eine Empfehlung einer Spielehandlung. Seitdem spielen wir es fast täglich, mal eine kleine, schnelle Runde zwischendurch zum Abschalten.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum es bei uns so häufig auf den Tisch kommt. Es verlangt wenig Vorbereitung, bringt uns aber trotzdem zusammen.

Neue Spiele entdecken und zu alten zurückkehren

Mittlerweile mag ich auch Exit-Spiele sehr gerne. Kennengelernt haben wir sie über unsere befreundete Familie. Gemeinsam rätseln, Hinweise suchen, Lösungen verwerfen und irgendwann hoffentlich doch noch auf die richtige Idee kommen – das entspricht ziemlich genau meiner Vorstellung von einem gelungenen Spieleabend.

Daneben spiele ich gelegentlich am Computer oder daddle auf dem Handy. Ich bin also keineswegs der Meinung, dass nur ein ordentliches Brettspiel ein echtes Spiel ist. Trotzdem ist das gemeinsame Spielen am Tisch für mich etwas anderes. Man sieht die Reaktionen der anderen, redet miteinander, lacht gemeinsam und erlebt, wie unterschiedlich Menschen an dieselbe Aufgabe herangehen. Der eine plant mehrere Spielzüge voraus, die andere spielt spontan. Jemand hält sich streng an eine Strategie, während ein anderer einfach ausprobiert, was passiert.

Und manchmal lernt man seine Mitspieler von einer ganz neuen Seite kennen.

Auch eines unserer Lieblingsspiele

Spielen ist mehr als Zeitvertreib

Spiele waren für mich nie nur eine Freizeitbeschäftigung. Auch in meiner Arbeit an der Schule hatte ich fast immer Spiele dabei.

Über ein Spiel findet man häufig sehr schnell Kontakt zu einem Kind. Man sitzt nicht mit der Erwartung gegenüber, jetzt ein ernstes Gespräch führen zu müssen, sondern tut zunächst etwas gemeinsam. Während des Spielens entsteht manches Gespräch fast nebenbei. Gleichzeitig kann ich beobachten, wie ein Kind mit Regeln umgeht, ob es abwarten kann, wie es auf Frustration reagiert, welche Aufgaben ihm leichtfallen und wobei es Unterstützung braucht. Natürlich geht es dabei nicht darum, aus jeder Runde Uno eine psychologische Untersuchung zu machen. Man erfährt beim gemeinsamen Spielen jedoch häufig mehr voneinander als in einem Gespräch, das mit der Frage beginnt: „Und, wie geht es dir?“

In der Grundschule leitete ich eine Spiele-AG, die in wechselnder Besetzung immer sehr gut besucht war. Die Kinder lernten neue Spiele kennen, erklärten sich gegenseitig die Regeln und mussten aushalten, dass sie nicht immer gewinnen konnten. Beim Spielen lernen Kinder zu warten, Entscheidungen zu treffen, Regeln einzuhalten und damit umzugehen, wenn etwas nicht so läuft wie gewünscht. Sie üben Kommunikation, Konzentration und soziales Verhalten – und haben dabei im besten Fall auch noch Spaß.

Sogar im Jugendgefängnis wurde gespielt

Während eines Praktikums in einem Jugendgefängnis bauten wir gemeinsam ein eigenes Spiel. Es war eine Art Knast-Monopoly beziehungsweise ein Spiel über das Leben im Gefängnis, eine Mischung aus das Spiel des Lebens, Trivial Pursuit und Monopoly. Die Jugendlichen brachten ihre Erfahrungen, Ideen und ihren eigenen Humor ein. Wir überlegten gemeinsam, welche Felder es geben sollte, welche Ereignisse vorkommen könnten und nach welchen Regeln gespielt wurde. Spielfiguren wurden selbstverständlich ebenso selbst hergestellt wie der Würfel.

Auch dort war das Spiel weit mehr als bloßer Zeitvertreib. Es bot eine Möglichkeit, über das eigene Leben zu sprechen, Erfahrungen sichtbar zu machen und gemeinsam etwas zu gestalten. Themen, die in einem direkten Gespräch möglicherweise schwer anzusprechen gewesen wären, konnten über das Spiel einen Platz bekommen.

Das ist vielleicht eine der größten Stärken von Spielen: Sie schaffen einen Raum, in dem Begegnung möglich wird, ohne dass Begegnung ständig eingefordert werden muss.

Was Spiele für mich bedeuten

Wenn ich darüber nachdenke, warum mich Spiele schon mein ganzes Leben begleiten, fallen mir viele Gründe ein:

  • Beim Spielen kommen Menschen zusammen. Sie verbringen Zeit miteinander, reden, lachen, knobeln, verhandeln, bewegen sich und ärgern sich gelegentlich. Sie lernen Regeln und manchmal auch, Regeln kreativ auszulegen. Sie erleben sich als geschickt, mutig, einfallsreich oder strategisch – und manchmal auch als ziemlich schlechte Verlierer.
  • Spiele können Nähe schaffen, ohne dass man die ganze Zeit tiefgründige Gespräche führen muss. Man tut etwas miteinander, und genau daraus entsteht häufig Austausch.
  • Sie wecken Neugier, fördern Kreativität und fordern dazu auf, Lösungen zu finden. Schon beim Legobauen mit meinem Bruder ging es darum, aus dem vorhandenen Material etwas zu machen, selbst wenn es zunächst unmöglich schien.
  • Beim Spielbus erlebte ich, wie schnell Kinder durch gemeinsames Spielen miteinander in Kontakt kamen. Später ging es beim Spielen mit unserer Tochter um gemeinsame Zeit, Spaß und Familientraditionen. In meiner beruflichen Arbeit wurden Spiele zu einem Medium, über das Kontakt, Lernen und Kommunikation möglich waren.
  • Und selbst mein zunächst wenig spielebegeisterter Mann entwickelte irgendwann ein eigenes Spiel und eröffnete einen Spieleverleih. Viel deutlicher kann sich eine Begeisterung vermutlich nicht durch ein gemeinsames Leben ziehen.

Natürlich braucht man nicht zwingend ein Brettspiel, einen Ball, ein Gummiband, eine Murmel oder einen Faden, um ein sinnvolles Leben zu führen. Aber für mich wäre ein Leben ohne Spiele deutlich ärmer.

Oder, um es mit einer kleinen Abwandlung eines bekannten Satzes zu sagen:

Ohne Spielen ist das Leben möglich, aber nicht sinnvoll.

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