Persönliches,  Stressmanagement

Kraftorte sind nicht nur Orte auf der Landkarte

Wenn ich an einen Kraftort oder Sehnsuchtsort denke, sehe ich zunächst tatsächlich einen Ort vor mir. Das Meer zum Beispiel, weil Wasser fast immer dabei ist. Oder einen Platz in der Natur. Es kann aber auch eine Kirche, in der es still ist, sein. Es ist ein Ort, an dem ich schon einmal war und an den ich gerne zurückdenke. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr merke ich: Ein Kraftort muss gar kein bestimmter Platz auf der Landkarte sein. Vielleicht ist „Kraftort” sogar ein viel zu enger Begriff. Denn manchmal ist mein Kraftort eine Tätigkeit, oder ein Gegenstand. Manchmal kann er aber auch eine Erinnerung sein, die ich mit einem Gegenstand hervorrufen kann (einer Muschel z.B.). Manchmal kann es aber nur ein einziger Gedanke sein, der meinen Blick auf eine Situation verändert. Dann entsteht der Kraftort nicht dort draußen. Dann entsteht er in mir.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu gleich drei Blogparaden: „Das ist mein Sehnsuchts- / Kraftort” von Birgit Rotter, „Die Natur als Kraftquelle” von Birgit Buchmayer und „Welcher Ort ist dein Kraftort?” von Sadhana Kraus.

Sehnsuchtsort und Kraftort – für mich ist das fast dasselbe

Sehnsuchtsorte und Kraftorte werden häufig unterschiedlich beschrieben. Ein Sehnsuchtsort ist ein Ort, zu dem es uns hinzieht. Ein Kraftort ist ein Platz, an dem wir auftanken und zur Ruhe kommen. Für mich liegt das sehr nah beieinander. Denn wonach sehne ich mich eigentlich, wenn ich mich an einen bestimmten Ort zurückwünsche? Sehne ich mich wirklich nach dem Strand, dem Wald, dem See oder einer bestimmten Stadt? Oder sehne ich mich nicht doch eher nach dem Gefühl, das ich dort hatte? Nach Weite, Freiheit, Ruhe, Lebendigkeit, Stärke. Oder nach dem Gefühl, für einen Moment nichts leisten zu müssen und einfach im Hier und Jetzt sein zu können..

Wenn ich sage „Ich möchte wieder ans Meer bzw. an den See (in Finnland z.B.)”, meine ich vielleicht nicht nur das Wasser, den Sand, die Möwen oder aufsteigenden, mystischen Nebel. Vielleicht meine ich eigentlich: Ich möchte wieder durchatmen. Ich möchte den Horizont sehen. Spüren, dass die Welt größer ist als das, was mich gerade beschäftigt. Ich möchte fühlen, dass die Natur mich umfängt und Antworten geben kann. Der Ort wird dann zum Symbol für ein Gefühl. Und dieses Gefühl wiederum gibt mir Kraft.

Was einen Ort für mich zum Kraftort macht

Es gibt Orte, an denen ich sofort merke, dass etwas mit mir passiert. Dann wird mein Atem ruhiger, mein Blick weiter. Gedanken, die sich vorher im Kreis gedreht haben, verlieren an Bedeutung und lösen sich vielleicht sogar auf. Das Meer gehört für mich definitiv dazu. Wasser überhaupt. Ich kann lange auf Wasser schauen. Es bewegt sich, ohne sich zu beeilen. Es ist ständig im Wandel und bleibt trotzdem Wasser. Als wir in Schweden in den Schären standen – fast mit dem Wohnwagen ins Meer gefallen, keine Touristen, nur Stille und das Licht auf dem Wasser – da wollte ich einfach bleiben. Dazu der sternenklare Himmel über uns, die Perseiden, die wir immer wieder beobachten konnten, einfach fantastisch.

Auch unter Wasser erlebe ich eine besondere Form von Ruhe. Sobald meine Ohren unter Wasser sind, ist die Welt „da oben” ausgeschlossen. Ich steuere alles über meinen Atem. Ein und aus. Das Wasser trägt mich. Ob auf den Malediven oder vor der Küste Sri Lankas – diese andere Geschwindigkeit, diese andere Stille hat mich jedes Mal sprachlos gemacht. Weißt du, was das geniale daran ist? Ich kann dort nicht gleichzeitig zehn Dinge erledigen, wie es manchmal in der Arbeit gefordert wird. Ich bin einfach da.

Auch Kirchen, Tempel und andere religiöse Gebäude können für mich Kraftorte sein. Dabei geht es mir nicht um eine bestimmte Religion. Es ist die Stimmung dieser Räume. Die Stille, oder die Höhe, das Licht, einfach die Atmosphäre. Das Gefühl, dass Menschen dort seit Jahrhunderten mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Fragen hingegangen sind. Die buddhistischen Tempel auf Sri Lanka oder in Kambodscha haben mich immer sofort ruhig werden lassen – diese Ehrfurcht, die sich einstellt, oder die Ruhe. Solche Orte erinnern mich daran, dass ich nicht auf alles sofort eine Antwort brauche.

Natur: mein verlässlichster Kraftort

Und dann ist da die Natur. Wälder, Berge, weite Landschaften, ein Bach, der über Steine fließt und sich zum Wasserfall erweitert, die Gewalt der Wassermassen oder aber die Jahreszeiten, von denen wir in Norwegen manchmal alle an einem Tag hatten. Draußen verändert sich mein Blick oft schneller als am Schreibtisch. Ein Problem verschwindet dadurch nicht, aber es bekommt eine andere Größe.

Ich brauche dafür nicht immer Dramatik. Ein Spaziergang um die Ecke, Buschwindröschen im Frühjahr, die Stille im Wald kurz nach dem ersten Schnee. Natur im Kleinen wirkt genauso wie Natur im Großen – wenn ich sie wirklich wahrnehme und nicht nur an ihr vorbeihaste. Norwegen hat mich klein und demütig werden lassen mit den ganzen Naturgewalten, ebenso wie Costa Rica. Aber auch der Winter in den Bergen hat eine ganz besondere Stimmung. Was die Natur so besonders macht: Sie ist einfach da. Sie fragt nicht, ob ich produktiv war. Sie fordert nichts. Vor allem aber: Ich muss ihr gegenüber nichts leisten oder beweisen. Das allein ist manchmal das Wertvollste.

Was mich bei Natur am meisten berührt, ist die Kombination von Wasser und Weite. Ob die Kurische Nehrung, die Wanderdünen in Polen, ein Gebirgssee oder das Meer irgendwo zwischen Schweden und Indonesien – diese Momente, in denen ich klein und demütig werde, haben immer etwas mit mir gemacht.

Kraftorte müssen nicht spektakulär sein

Wenn wir von Sehnsuchtsorten sprechen, denken wir schnell an weite Reisen und besondere Landschaften. Aber ein Kraftort muss nicht fotogen sein. Wobei: das schadet sicherlich nicht. Aber vielleicht ist eine Bank auf einem vertrauten Spazierweg schon genug. Oder der Wohnwagen, wenn die Tür zugeht und der Alltag draußen bleibt. Ein Platz im Garten. Oder das Lagerfeuer, das vor mir tanzt und funkelt. Ein Platz am Fenster, in der Sauna oder im Bett mit einem guten Buch.

Ein Kraftort muss auch nicht für andere Menschen besonders sein. Was mir Kraft gibt, kann jemand anderen völlig kaltlassen. Ich ich kann an einem Ort stehen, den andere als magisch beschreiben, und überhaupt nichts spüren. So erging es mir in Kambodscha: Wie lange wollte ich dort Angkor Wat sehen, jene große buddhistische Tempelanlage. War schön. Was mich aber innerlich gepackt hat, war ein kleiner und komplett überwucherter Tempel im Urwald.

Manchmal ist mein Kraftort eine Tätigkeit

Es gibt Tätigkeiten, bei denen ich mich selbst wieder besser wahrnehme. Schreiben zum Beispiel. Beim Schreiben sortieren sich Gedanken, die vorher nur diffus im Kopf herumgeschwirrt sind. Plötzlich sehe ich Zusammenhänge, die mir vorher nicht aufgefallen sind.

Singen kann ein solcher Kraftort sein. Der Atem wird tiefer, der Körper schwingt mit, und für eine Weile bin ich ganz bei dem, was gerade passiert.

Auch Reisen – obwohl Reisen natürlich kein Ort ist. Es ist die Bewegung, das Unterwegssein, das Entdecken, die Kontakte und der Abstand zum Vertrauten. Ein neuer Blick auf die Welt führt manchmal auch zu einem neuen Blick auf mich selbst.

Manchmal kann es eine ganz unspektakuläre Tätigkeit sein: kochen, laufen, schwimmen, in der Erde wühlen, fotografieren, eine Ausstellung besuchen oder mit jemandem reden, bei dem ich mich nicht erklären muss. Entscheidend ist nicht, was ich tue. Entscheidend ist, was es mit mir macht.

Auch ein Gegenstand kann Kraft geben

Manche Gegenstände sind mehr als Dinge. Sie erinnern an einen Menschen, eine Reise oder eine Situation, in der ich etwas geschafft habe, das ich mir vorher nicht zugetraut hätte. Vielleicht ist es ein Stein vom Strand, ein Foto, eine Muschel, ein Schmuckstück oder ein kleines Mitbringsel. Der Gegenstand selbst hat keine besondere Kraft. Aber er verbindet mich mit einer Erinnerung. Er kann mich daran erinnern, wie mutig ich war oder wie frei ich mich in dem Moment gefühlt habe. Dass ich schon einmal durch eine schwierige Zeit gekommen bin. Oder dass es in meinem Leben mehr gibt als das Problem, das sich gerade so groß anfühlt. Meine große Kauri Muschel von meinem ersten Indonesienbesuch ist so ein Anker. Schaue oder fasse ich sie an, kann ich mich sofort in das Gefühl von damals wegträumen oder “hinein beamen”.

Auch das ist für mich ein Kraftort.

Ein Perspektivwechsel als Kraftort

Das klingt vielleicht ungewöhnlich. Ein Perspektivwechsel ist weder ein Platz noch ein Gegenstand. Dennoch kann ein neuer Gedanke genau das bewirken, was ein Kraftort bewirkt: Er schafft Abstand. Wenn ich lange auf ein Problem schaue, sehe ich irgendwann nur noch dieses Problem. Es nimmt den ganzen Raum ein. Ein anderer Blickwinkel kann diesen Raum oder mögliche Alternativen wieder öffnen.

Solche Gedanken verändern nicht immer sofort die äußere Situation. Aber sie können etwas in mir verändern. Das ist dann genau die Kraft, die ich gerade brauche.

Sehnsucht zeigt mir, was mir fehlt

Ich glaube, Sehnsucht ist nicht nur etwas, das uns wegzieht. Sie kann auch ein Hinweis sein. Wann immer ich mich wieder nach dem Meer sehne, fehlt mir vielleicht Weite. Wenn ich mich in eine einsame Hütte wünsche, brauche ich womöglich Ruhe und weniger Anforderungen. Oder wenn ich an eine bestimmte Reise zurückdenke, sehne ich mich vielleicht nach Abenteuer oder dem Gefühl, lebendig zu sein. Die interessante Frage dabei ist deshalb nicht nur: “Wo möchte ich hin?”, sondern auch: “Was erhoffe ich mir von dort?” Vielleicht will ich nur weglaufen und den ganzen Alltagskram hinter mir lassen?

Natürlich ersetzt ein Spaziergang um den Block nicht das Meer. Aber manchmal brauchen wir nicht sofort das ganze Meer. Manchmal brauchen wir zunächst nur einen Moment, in dem wir wieder Luft bekommen.

Kraftorte können sich verändern

Was mir früher Kraft gegeben hat, muss heute nicht mehr zu mir passen. Manche Orte verlieren ihre Bedeutung. Andere kommen neu hinzu. Vielleicht entdecke ich erst später, dass etwas ganz Alltägliches längst eine Kraftquelle für mich geworden ist. Es lohnt sich deshalb, immer wieder neu hinzuspüren: “Was tut mir heute gut? Wo werde ich ruhiger? Wann fühle ich mich lebendig? Was hilft mir, wieder klarer zu sehen?”

Das ist auch der Grund, warum ich diesen Artikel als Ergänzung bzw. als Neuauflage zu meinen bereits früher entstandenen Artikeln “Meine Kraftorte in Bildern” von 2020 oder “Kraftorte 2.0″ von 2022 geschrieben habe.

Mein Kraftort ist das, was mich wieder mit mir verbindet

Für mich ist ein Kraftort heute nicht mehr nur ein bestimmter Platz. Es kann ein Sehnsuchtsort sein, zu dem es mich immer wieder hinzieht. Es kann eine Tätigkeit, bei der ich Zeit und Anforderungen vergesse, aber auch ein Gegenstand sein, der mich an meine eigene Stärke erinnert. Es kann eine Begegnung mit Freunden sein, eine gemeinsame Tätigkeit, ein Gefühl oder ein Gedanke sein.

Ein Kraftort ist für mich alles, was mich wieder mit mir selbst verbindet. Was mich für einen Moment aus dem Funktionieren herausholt. Was meinen Blick weitet. Was mich erinnert, dass ich mehr bin als meine Aufgaben, Sorgen und Verpflichtungen.

Und vielleicht ist das die entscheidende Frage:

Welcher Ort, welche Tätigkeit, welcher Gegenstand oder welcher Gedanke gibt Dir gerade Kraft?

Vielleicht liegt Dein Kraftort näher, als Du denkst.

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