
Die Angst davor war größer: Zwei erste Male, für die ich Mut brauchte
Als ich den Aufruf von Nicole Tonoli zu ihrer Blogparade „Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ las, musste ich nicht lange überlegen. Genau genommen fielen mir sogar zwei Erlebnisse ein, die noch gar nicht lange zurückliegen: meine erste Fahrt mit einem Heißluftballon und mein erstes Konzert auf dem Dach der Bundeskunsthalle bei uns in Bonn.
Auf den ersten Blick haben diese beiden Erlebnisse nicht besonders viel miteinander zu tun. Bei dem einen schwebte ich hoch oben über der Landschaft, bei dem anderen saß ich mit vielen Menschen auf einem Dach und hörte Musik. Trotzdem verbindet sie etwas Entscheidendes: Beide Male musste ich mich überwinden, und beide Male stellte ich hinterher fest, dass meine Befürchtungen viel größer gewesen waren als das Erlebnis selbst.
Ein Gutschein, der lange auf seine Einlösung wartete
Den Gutschein für die Ballonfahrt hatte ich bereits seit meinem Geburtstag im vergangenen Jahr. Geplant war eigentlich, während des Ballonfestivals in Bonn gemeinsam mit mehreren Ballons aufzusteigen. Doch der Termin wurde verschoben, dann noch einmal verschoben und schließlich erneut abgesagt. Anfangs war ich darüber nicht besonders unglücklich. Denn so sehr ich mich grundsätzlich auf diese Ballonfahrt freute, musste ich dafür doch meinen inneren Schweinehund und einige Ängste überwinden. Dazu solltest du wissen, dass ich ja bereits viel in Asien gereist bin und ich diverse kleinere (oder größere) Bambusbrücken hasse. Mir sind die Konstruktionen und die Schwankungen, wenn man darüber läuft, nicht geheuer. So ähnlich stellte ich mir die Ballonfahrt vor: Schwankend, schwankend und noch einmal schwankend. Aber solange der Termin zur Ballonfahrt nicht stattfand, musste ich mich mit meinem Schweinehund auch nicht ernsthaft auseinandersetzen.
Irgendwann begann mich die ständige Verschieberei allerdings zu ärgern. Ich wollte diese Fahrt nun endlich machen, obwohl ich gleichzeitig immer noch nicht genau wusste, wie ich mich fühlen würde, wenn ich tatsächlich in diesem Korb stünde.
Dann ging auf einmal plötzlich alles sehr schnell. Am Vormittag kam der Anruf, am Abend sollte die Ballonfahrt stattfinden. Es blieb also kaum Zeit, mir auszumalen, was alles passieren könnte. Keine Gelegenheit, tagelang nervös zu sein, verschiedene Katastrophenszenarien zu entwickeln oder mir selbst einzureden, dass ein fester Boden unter den Füßen doch völlig ausreiche.
Manchmal ist wenig Vorbereitungszeit offenbar ein Segen.
Aus einem Lappen wird ein Ballon
Schon der Beginn der Fahrt war ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Wir stiegen nicht einfach in einen fertig aufgebauten Korb, sondern halfen dabei, den Ballon startklar zu machen. Wir hielten, zogen und beobachteten, wie aus einem riesigen Stück Stoff langsam ein Heißluftballon wurde. Danach kletterte ich, nicht ganz elegant, in den Korb. Zuerst machten wir ein kurzes Training, wie wir uns in bestimmten Situationen (z.B. im “Ernstfall”) zu verhalten hätten. Ob mich das beruhigt hat? Eher nicht. Kurz darauf hob der Ballon auch schon ab. Damit begann der Teil, vor dem ich mich vorher so gefürchtet hatte.
Nur: Es fühlte sich überhaupt nicht so an, wie ich es erwartet hatte. Der Ballon schoss nicht ruckartig in die Höhe, der Korb schwankte nicht wild hin und her, und auch mein Magen blieb dort, wo er hingehörte. Wir glitten ruhig nach oben. Der Kapitän (heißt das bei der Ballonfahrt so?) strahlte viel Ruhe und Erfahrung aus, so dass ich mich entspannen konnte. Auch die Landung war ausgesprochen sanft und fast auf den Punkt genau dort, wo der Kapitän landen wollte.
Die Ballonfahrt war wunderschön, aber längst nicht so spektakulär oder aufregend, wie ich sie mir vorher ausgemalt hatte. Vielleicht war genau das die größte Überraschung. Ich hatte so viel Mut zusammengenommen, um mich einer Situation zu stellen, die mein Kopf vorher erheblich dramatischer inszeniert hatte, als sie tatsächlich war.



Mein erstes Konzert auf dem Dach
Nur kurze Zeit später folgte ein weiteres erstes Mal. Ich besuchte ein Konzert auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn.
Natürlich war das nicht mein erstes Konzert überhaupt. Ich gehe durchaus gelegentlich zu Konzerten. Aber ein Konzert auf einem Dach hatte ich noch nie erlebt, und auch die Größe der Veranstaltung war für mich eine Herausforderung. Viele Menschen auf engem Raum sind für mich derzeit nicht automatisch der Inbegriff eines entspannten Konzertes. Mein sozialer Index ist aktuell sehr begrenzt. Wo andere voller Vorfreude die Menschenmenge sehen, bemerkt mein inneres Warnsystem zunächst die Enge, die Lautstärke und tariert die Rückzugsmöglichkeiten aus. “Dann kann ich ja wieder gehen”, war mein Gedanke.
Trotzdem wollte ich dieses Konzert erleben.
Wer spielte? “Zum Start der GA-Sommergarten-Reihe trifft der Bonner Crossover Pianist Marcus Schinkel auf die preisgekrönte niederländische Jazz-Vokalistin Vera Westera und ihre erstklassige Band”, so die Ankündigung, die mich neugierig machte. Gespielt wurde Jazz und Soul im Stil von Amy Winehouse und Aretha Franklin. Dazu kam die besondere Kulisse auf dem Dach der Bundeskunsthalle, die der Veranstaltung eine ganz eigene Atmosphäre verlieh.
Auch hier musste ich zuerst über eine innere Schwelle gehen. Ich musste mich bewusst dafür entscheiden, nicht nur auf meine Bedenken zu hören, sondern auch auf den Teil in mir, der neugierig war und dieses Erlebnis nicht verpassen wollte.
Und wieder wurde ich belohnt. Die Musik war großartig, die Sängerin beeindruckend und der Abend etwas Besonderes. Die vielen Menschen waren zwar da, aber sie bestimmten nicht mein gesamtes Erleben. Im Mittelpunkt standen irgendwann nicht mehr meine Befürchtungen, sondern die Musik und die Freude darüber, dort zu sein. Musik ist offensichtlich ein Medium, dass mir doch helfen kann, Bedenken zu überwinden.
Das Kopfkino beginnt meistens vor der Vorstellung
Beide Erlebnisse haben mir gezeigt, wie schnell unser Kopf aus etwas Unbekanntem eine große Prüfung machen kann. Solange wir nicht wissen, was uns erwartet, füllt unser Gehirn die Lücken mit unseren eigenen Vorstellungen, die selten besonders zurückhaltend sind.
Vor der Ballonfahrt sah mein inneres Kino vermutlich mehr Abenteuerfilm als ruhiges Dahingleiten vor. Vor dem Konzert richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die vielen Menschen und darauf, wie anstrengend die Situation werden könnte, statt auf die Musik.
Das bedeutet nicht, dass Ängste und Bedenken unbegründet oder lächerlich sind. Sie wollen uns schützen und auf mögliche Schwierigkeiten vorbereiten. Problematisch wird es erst, wenn wir sie für eine zuverlässige Vorhersage der Zukunft halten.
Meine Befürchtungen waren echt. Sie waren aber nicht das, was tatsächlich geschah. Für mich ein Indiz dafür, dass ich nicht immer meinen eigenen Gedanken glauben sollte!
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben

Oft denken wir, mutige Menschen hätten weniger Angst. Vielleicht warten wir deshalb darauf, dass unsere eigene Angst endlich verschwindet, bevor wir etwas Neues ausprobieren. Doch möglicherweise funktioniert Mut ganz anders. Mut heißt nicht, dass ich keine Bedenken habe. Mut heißt, dass ich meine Bedenken wahrnehme und mich trotzdem frage, ob ich dieses Erlebnis wirklich verpassen möchte.
Bei meiner Ballonfahrt war die Antwort eindeutig. Ich wollte nicht, dass der Gutschein irgendwann ungenutzt in einer Schublade liegen blieb, nur weil ich mir den Aufstieg beängstigender vorgestellt hatte, als er war.
Auch das Konzert hätte ich auslassen können. Niemand hätte mich dazu gezwungen, auf dem Dach der Bundeskunsthalle zu sitzen. Ich hätte einen vernünftigen Grund gefunden, zu Hause zu bleiben. Vermutlich sogar mehrere.
Doch dann hätte ich weder die Ballonfahrt noch diesen besonderen Konzertabend erlebt.
Nach dem ersten Mal ist die Welt ein kleines Stück größer
Nicht jedes erste Mal muss das ganze Leben verändern. Manchmal ist es einfach ein schöner Tag, ein ungewohnter Blick auf die Landschaft oder die Erfahrung, dass etwas viel weniger beängstigend ist als gedacht. Trotzdem bleibt etwas davon zurück.
Jedes Mal, wenn ich mich einer Angst stelle und eine gute Erfahrung mache, wird meine Welt ein kleines Stück größer. Ich weiß danach nicht, ob ich mich beim nächsten Mal automatisch weniger fürchte. Aber ich kann mich daran erinnern, dass meine Vorstellungen nicht immer recht behalten.
Vielleicht ist genau das der Wert solcher ersten Male: Sie beweisen uns nicht, dass nie etwas schiefgehen kann. Sie zeigen uns aber, dass auch etwas richtig schön werden kann.
Wann hast Du zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht?
Vielleicht gibt es auch in Deinem Leben etwas, das Du gerne ausprobieren möchtest, vor dem Du aber noch zurückschreckst. Möglicherweise ist es etwas Großes. Vielleicht wirkt es von außen vollkommen unspektakulär und kostet Dich trotzdem Überwindung.
Du musst nicht darauf warten, dass die Angst vollständig verschwindet. Manchmal reicht es, ihr nicht allein die Entscheidung zu überlassen.
Denn möglicherweise wartet hinter dem ersten Schritt kein großes Drama, sondern eine überraschend ruhige Ballonfahrt, ein wunderbares Konzert oder einfach die erleichternde Erkenntnis:
Es war längst nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte.
P.S: Mittlerweile habe ich bereits das zweite Konzert auf dem Dach hinter mich gebracht und freue mich auf das dritte in zwei Wochen!!!
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