Gesundheit,  Persönliches,  Stressmanagement

Was passiert, wenn wir uns wieder Raum nehmen?

Als ich im Juni 2026 meine Blogparade mit dem Titel „Wofür nimmst du dir (wieder) Raum, und was darf dafür gehen?” gestartet habe, war das keine rein redaktionelle Idee. Mein Kopf war voll, genauso wie mein Kalender. Und die Dinge, von denen ich wusste, dass sie mir gut tun, hatten sich irgendwie alle nach ganz hinten verschoben, ohne dass ich mich bewusst entschieden hatte, sie dort zu lassen.

Ich wollte wissen, wie das bei anderen ist. Kennen sie das auch? Und vor allem: Was darf eigentlich kleiner werden oder ganz gehen, damit wieder etwas anderes Platz bekommt?

Drei Frauen haben sich mit dieser Frage beschäftigt, dazu kam mein eigener Beitrag. Alles sehr unterschiedliche Texte – und doch haben sie mehr miteinander zu tun, als ich anfangs erwartet hätte.

Susanne möchte wieder bloggen, weil es sie glücklich macht

Susanne Wagner wusste ziemlich genau, was ihr gefehlt hatte: das Schreiben. Nicht als Marketingmaßnahme oder als Punkt auf ihrer To-do-Liste, sondern als etwas, das ihr schlicht guttut. Sie beschreibt, wie wenig Energie sie zeitweise dafür hatte. Gleichzeitig hat sie bemerkt, dass sie ohne das Schreiben etwas vermisst. Selbst ihr 450. Blogartikel erhielt keine großartige Würdigung, weil die Kraft fehlte. Ihre Erkenntnis: “ Es ist noch frühmorgens und meine To-Do-Liste wartet, denn ich entscheide mich dafür, mir den Raum zu nehmen, für das, was mich einfach glücklich macht.

Was mir an ihrem Beitrag gefällt: „Raum schaffen” bekommt bei ihr eine doppelte Bedeutung. Mehr Zeit zum Schreiben, ja. Aber auch den Blog selbst wieder zu einem angenehmen Ort machen: übersichtlicher, weniger Umwege, weniger Kleinkram drumherum. Was dafür gehen darf, sind nicht die Inhalte, sondern die mühsamen technischen Umwege, die früher nötig waren und die sie mittlerweile anders und v.a. schneller löst.

Mehr Raum fürs Bloggen! … weil es mich glücklich macht

Pia dreht die Frage um – und trifft damit etwas Entscheidendes

Pia Hübingers Beitrag hat mich am meisten überrascht, weil er die Ausgangsfrage in eine Richtung gedreht hat, die ich selbst nicht erwartet hatte. Ihr Einstieg mit ihrem ersten Hörsturz hat mich sofort in den Bann gezogen und Gänsehaut verursacht.

Sie beschreibt, wie ihr Leben von außen betrachtet sehr voll war: Arbeit, Kinder, hohe eigene Ansprüche, und wie es irgendwann auch innerlich kleiner wurde. Perfektionismus gepaart mit dem Anspruch, sich Zugehörigkeit in unterschiedlichen Bereichen verdienen zu müssen, engte sie immer mehr ein und versperrte ihr den eigenen Blick auf den inneren Gestaltungsspielraum. Die Weiterbildung in kontemplativer Psychologie brachte sie schließlich weiter, besonders das Element “Raum”. Dabei spielen eine weiße Wand und der Wald eine wichtige Rolle. Ihre Erkenntnis: “Innerer Raum ist die psychische und geistige Kapazität, Gedanken, Gefühle und Impulse wahrzunehmen, ohne vollständig mit ihnen zu verschmelzen…”  Was mir von ihr besonders hängengeblieben ist: Manchmal müssen wir uns den äußeren Raum zuerst nehmen, auch wenn sich das Gefühl von Weite erst danach einstellt. Nicht umgekehrt.

Sich Raum nehmen: Warum Veränderung dort beginnt, wo unser Geist weit wird 

Christina lässt den Perfektionismus stehen

Bei Christina Reinisch darf etwas gehen, das vermutlich die meisten von uns kennen, auch wenn wir es nicht immer so nennen würden: der Anspruch, dass gut niemals gut genug ist.

Ihr neuer Leitsatz lautet: Mein Bestes ist gut genug. Sie zeigt das an Beispielen, die ich sofort wiedererkannt habe. Ein Social-Media-Post, der veröffentlicht wird, bevor er perfekt ist. Ein Wäscheständer, der stehen bleibt, weil die Kraft fehlt, ihn wegzuräumen. Wertschätzung und Zeit als Geschenk für eine gute Freundin, statt stundenlange Recherche und aufwändige Verpackung. Ihre Erkenntnis: “Dadurch, dass ich ganz bewusst auswähle, womit ich meine Lebenszeit verbringe, wohinein ich meine begrenzte Energie stecke, bin ich viel präsenter in dem, was ich tue.“

Ich mag das, weil es zeigt, wo Perfektionismus tatsächlich stattfindet: nicht nur beim großen Lebensentwurf, sondern beim Wäscheständer. Und genau dort kostet er Energie, die dann woanders fehlt.

Was für Christina dabei entstanden ist: mehr Zeit für sich, mehr Gegenwart, weniger Kopfschmerzen. Und, wie sie selbst schreibt, mehr Raum für das richtige Leben.

Warum mein Bestes heute gut genug sein darf

Und ich? Ich möchte in meinem eigenen Leben wieder vorkommen

Mein eigener Beitrag ist beim Schreiben persönlicher geworden, als ich geplant hatte.

Mir ist klar geworden, dass ich mir nicht nur Raum für eine einzelne Sache zurückholen möchte: mehr bloggen, mehr lesen, mehr kochen, Freunde treffen, vielleicht sogar das Klöppeln wieder rauskramen. Hinter all dem steckt etwas Grundsätzlicheres: Ich möchte bei meinen eigenen Entscheidungen wieder auftauchen. Nicht als erste und wichtigste Person. Aber irgendwo auf der Liste.

Lange habe ich vieles nach hinten geschoben, bis die Arbeit erledigt, Aufgaben abgearbeitet und Erwartungen erfüllt waren. Das Problem: Dieser Zeitpunkt kommt nie. Arbeit hat die unangenehme Eigenschaft, sich immer wieder nachzufüllen. Und mein Körper hat mir inzwischen ziemlich deutlich gezeigt, dass Warten auf das nächste Stoppschild keine gute Strategie ist. Meine Erkenntnis: “Raum entsteht nur, wenn ich Entscheidungen treffe. “

Was bei mir also gehen darf, ist vor allem dieser Gedanke: dass ich mir erst etwas verdienen muss, bevor ich mir Zeit für mich erlauben darf.

Ich nehme mir meinen Raum zurück

Was mich diese vier Texte gelehrt haben

Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass keine von uns geschrieben hat: „Ich brauche einfach drei Stunden mehr am Tag.” Gelegentlich wäre das sicher praktisch. Wer hätte dafür keine  Verwendung. Aber darum ging es kaum.

Stattdessen ging es um eigene Ansprüche und darum, sie zu hinterfragen. Um Perfektionismus und die stille Erschöpfung, die er hinterlässt. Um die Frage, was Priorität hat, bzw. wer darüber entscheidet. Um das Recht, eigene Interessen zu haben. Und immer wieder um diese eine Grundüberzeugung, die viele von uns irgendwo mit sich tragen: dass die anderen zuerst kommen und man selbst schon warten kann.

Das beantwortet für mich die zweite Hälfte meiner Blogparaden-Frage noch einmal ganz direkt. Raum entsteht nicht dadurch, dass wir noch geschickter planen. Manchmal darf Perfektionismus gehen. Ebenso ein Anspruch oder die Vorstellung, alles selbst machen zu müssen. Vor allem aber darf der Gedanke gehen, dass wir uns das Recht erst erarbeiten müssen, uns Raum zu nehmen.

Raum nehmen ist eine Entscheidung und nicht das, was übrig bleibt, nachdem alles andere bedient wurde. Und damit entscheiden wir zwangsläufig auch, was weniger davon bekommt. Das ist, glaube ich, der eigentlich schwierige Teil.

Ich danke Susanne, Pia und Christina sehr herzlich für ihre Beiträge. Ihr habt meiner Frage Perspektiven gegeben, die ich selbst nicht hätte formulieren können.

Die Blogparade ist damit offiziell beendet. Die Frage behalte ich trotzdem.

Und gebe sie gerne noch einmal weiter: “Was nimmt gerade sehr viel Raum in deinem Leben ein?” “Bekommt das, was dir wirklich wichtig ist, eigentlich noch genug davon?” Schreib das gerne in die Kommentare, ich freue mich darüber.

Newsletter

Freitags-Denkpause

Jeden Freitag · Direkt ins Postfach

Für dich, wenn dein Kopf zu voll ist, dein Alltag dich auffrisst und du irgendwo zwischen Verantwortung und Erschöpfung dich selbst ein Stück verloren hast.

Kein Spam · Abmeldung jederzeit möglich

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert