
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?
Sprichwörter gelten als kleine Lebensweisheiten. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, passen in einen einzigen Satz und liefern für fast jede Lebenslage eine vermeintlich klare Antwort.
Doch manche dieser Sätze stammen aus einer Welt, die mit unserem heutigen Leben nur noch wenig gemeinsam hat. Trotzdem wirken sie weiter: durch Eltern und Großeltern, in Schulen, Unternehmen und Familien – und vor allem durch die Stimmen, die wir längst selbst im Kopf haben.
Zeit also, einige dieser alten Weisheiten genauer anzusehen und in welchen Kontext sie heute stehen:
Wer hat beschlossen, dass Pausen verdient werden müssen?
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Ein Sprichwort, dass ich oft gehört und selbst verinnerlicht habe. Schon als Kind ging es damit los: “Erst die Hausaufgaben, dann darfst du spielen.” oder “Erst das Zimmer aufräumen, dann kannst du dich mit deinen Freundinnen treffen.”
Der Gedanke dahinter klingt zunächst vernünftig: Erledige notwendige Aufgaben, bevor du dich den schönen Dingen widmest. Schließlich lösen sich Pflichten selten von allein in Luft auf. Und vor allem hat man dann hinterher nicht mehr den Druck, dass da noch was zu erledigen ist und kann die Zeit viel mehr genießen.
Früher hatte diese Haltung auch einen nachvollziehbaren Grund. Arbeit diente unmittelbar dem Überleben. Die Ernte musste eingebracht, das Vieh versorgt und das Feuerholz vorbereitet werden. Wer notwendige Aufgaben aufschob, riskierte nicht nur einen unordentlichen Schreibtisch, sondern im schlimmsten Fall Hunger oder Kälte.
Heute sieht unser Alltag anders aus. Doch das Sprichwort lebt weiter. Das Problem daran ist jedoch: Unsere Arbeit ist niemals wirklich fertig.
Für die Schule kann immer noch etwas gelernt werden, im Haushalt kann immer noch etwas geputzt, gewaschen oder sortiert werden. Im Beruf wartet nach der beantworteten Mail bereits die nächste. Nach der Dokumentation ist vor der Dokumentation, oder sich Gedanken über irgendein Kind, das mir als Schulsozialarbeiterin begegnet, machen. Wer darauf wartet, dass alles erledigt ist, bevor das Vergnügen beginnen darf, wartet möglicherweise sehr lange.
Aus „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ wird dann schnell: Erst die Arbeit, dann noch eine Aufgabe., nur noch schnell dies und das. Und wenn du dann endlich (vermeintlich!!) fertig bist, fällst du erschöpft aufs Sofa oder ins Bett. Mir geht es häufig so, wenn Urlaub ansteht. Dann möchte ich noch dieses und jenes erledigen, die Wohnung möglichst sauber haben und alles an Dreckwäsche wegwaschen. Früher habe ich sogar noch Fenster geputzt.
Wenn Erholung zur Belohnung wird
Aus Sicht des Stressmanagements vermittelt das Sprichwort eine problematische Botschaft: Pausen und schöne Erlebnisse müssen durch Leistung verdient werden. Doch Erholung ist keine Belohnung. Sie ist eine biologische Notwendigkeit.
Unser Körper braucht regelmäßig Entlastung – nicht erst dann, wenn alle Aufgaben abgehakt sind. Wer Pausen immer weiter verschiebt, merkt häufig erst spät, dass die eigene Belastungsgrenze längst überschritten ist: “Wenn ich das noch erledigt habe, mache ich Pause. Sicher.”. Doch nach dieser Aufgabe fällt ihnen die nächste ein. Während der Pause kreisen die Gedanken weiter. Und selbst beim Vergnügen bleibt das Gefühl, eigentlich etwas Sinnvolleres tun zu müssen oder aber eine Aufgabe noch nicht ganz erledigt zu haben..
Das alte Sprichwort wird heute nicht nur von Eltern, Großeltern oder besonders leistungsorientierten Vorgesetzten verwendet. Wir sagen es längst selbst zu uns. Es meldet sich, wenn wir an einem sonnigen Nachmittag spazieren gehen möchten, obwohl der Wäschekorb voll ist. Es sorgt dafür, dass wir uns beim Lesen eines Buches unruhig fühlen. Und es redet uns ein, wir dürften uns erst entspannen, wenn wirklich nichts mehr zu tun ist.
Nur: Dieser Moment kommt nicht. That´s it!!
Arbeit und Freude gehören nicht auf zwei Seiten
Natürlich bedeutet ein gesunder Umgang mit Stress nicht, alle Pflichten liegen zu lassen. Dauerndes Aufschieben kann schließlich ebenfalls belastend werden. Doch Arbeit und Vergnügen sind keine Gegner.
Phasen der Konzentration brauchen Unterbrechungen. Verantwortung braucht Erholung. Anstrengung braucht Leichtigkeit. Nicht irgendwann, sondern regelmäßig. Am besten geplant, damit man sie nicht vergisst oder übergeht.
Wir müssen uns Freude nicht erst erarbeiten. Ein Spaziergang, ein Treffen mit Freunden oder eine halbe Stunde auf dem Sofa verlieren nicht ihren Wert, nur weil noch etwas unerledigt ist.
Vielleicht braucht das alte Sprichwort deshalb eine neue Fassung:
Arbeit ist wichtig. Erholung notwendig – und zwar nicht erst, wenn alles erledigt ist.
Kennst du noch weitere Sprichwörter, über die es wert sind, mal über sie nachzudenken? Dann schreibe mir das gerne in die Kommentare.
Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogdekade August 2026 entstanden und ist Artikel Nr. 2
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