
Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach
Sprichwörter gelten als kleine Lebensweisheiten. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, passen in einen einzigen Satz und liefern für fast jede Lebenslage eine vermeintlich klare Antwort.
Doch manche dieser Sätze stammen aus einer Welt, die mit unserem heutigen Leben nur noch wenig gemeinsam hat. Trotzdem wirken sie weiter: durch Eltern und Großeltern, in Schulen, Unternehmen und Familien – und vor allem durch die Stimmen, die wir längst selbst im Kopf haben.
Zeit also, einige dieser alten Weisheiten genauer anzusehen und in welchen Kontext sie heute stehen:
Sicherheit kann auch ein Käfig sein
Ich kenne das Sprichwort sehr gut. Wenn ich als Kind mal wieder sogenannte Flausen im Kopf hatte und groß träumte, dann kam prompt dieses Sprichwort von irgendwelchen Menschen in meinem Leben. Das Sprichwort empfiehlt mir, sich mit einem kleinen, sicheren Vorteil zufriedenzugeben, anstatt einem größeren, aber ungewissen Gewinn welcher Art auch immer hinterherzujagen.
In früheren Zeiten war dieser Rat durchaus vernünftig. Wer wenig besaß und kaum Rücklagen hatte, konnte sich große Risiken nicht leisten. Der gefangene Vogel bedeutete eine sichere Mahlzeit. Die größere Taube auf dem Dach nützte nichts, solange sie unerreichbar blieb. Sicherheit war keine langweilige Komfortzone, sie konnte das Überleben sichern.
Auch heute ist Vorsicht nicht grundsätzlich falsch. Nicht jeder Traum rechtfertigt jedes Risiko. Es ist sinnvoll, mögliche Folgen abzuwägen und nicht für eine vage Hoffnung alles aufzugeben.
Doch der sichere Spatz kann ziemlich unbequem werden.
Wenn Sicherheit uns festhält
Vielleicht bleibst du in einem Beruf, der dich seit Jahren erschöpft, weil die Stelle sicher ist. Wie viele Lehrer:innen z.B. bleiben im “sicheren Hafen” des Beamtentums, obwohl sie schon lange unglücklich sind und sie merken, dass ihre ideale Vorstellung vom Unterrichten nicht mehr passt? Vielleicht übernimmst du aber auch weiterhin Aufgaben, die dir nicht guttun, weil eine Veränderung ungewiss wäre. Der Spatz sitzt fest in deiner Hand. Allerdings pickt er inzwischen kräftig hinein.
Unser Nervensystem liebt das Bekannte. Selbst chronischer Stress kann vertrauter und damit scheinbar sicherer wirken als eine Veränderung, deren Ausgang offen ist. Deshalb bleiben Menschen manchmal erstaunlich lange in belastenden Arbeitsverhältnissen, Beziehungen oder Rollen. Nicht, weil sie die Belastung nicht bemerken, sondern weil das Neue noch unsicherer erscheint.
„Andere wären froh über deine Stelle“
Das Sprichwort wird bis heute von Menschen verwendet, die zur Vorsicht raten: Eltern, Partnerinnen, Kolleginnen oder Freunde. Meist möchten sie uns schützen. in dem sie darauf hinweisen: „Du hast doch einen sicheren Arbeitsplatz.“ „Andere wären froh, so eine Stelle zu haben.“ „Überleg dir gut, was du aufgibst.“
Diese Einwände können berechtigt sein. Sie spiegeln aber auch die Erfahrungen und Ängste derjenigen wider, die sie äußern und gehen nicht unbedingt auf deine Situation ein..
Wer selbst gelernt hat, Sicherheit grundsätzlich über Zufriedenheit zu stellen, betrachtet Veränderung vielleicht automatisch als unnötiges Risiko. Für erschöpfte Menschen entsteht daraus ein zusätzlicher Konflikt: Einerseits spüren sie, dass es so nicht weitergeht. Andererseits fühlen sie sich undankbar oder leichtsinnig, sobald sie über eine Veränderung nachdenken.
Zwischen Bleiben und Springen liegt ein ganzer Weg
Häufig sehen wir nur zwei Möglichkeiten: Entweder bleibt alles, wie es ist – oder ich muss sofort mein ganzes Leben umwerfen.
Doch zwischen dem sicheren Spatz und der unerreichbaren Taube gibt es viele Zwischenschritte: Du kannst Informationen sammeln, Gespräche führen, deine Arbeitszeit reduzieren, Zuständigkeiten klären, Fortbildungen besuchen oder etwas Neues zunächst im kleinen Rahmen ausprobieren. Veränderung muss kein Sprung vom Dach sein, sie kann ein behutsamer Prozess sein.
Diese Zwischenschritte geben auch dem Nervensystem Zeit, sich an neue Möglichkeiten zu gewöhnen.
Gibt die Sicherheit Halt – oder hält sie dich fest?
Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sie pauschal als Feigheit abzuwerten, wäre genauso falsch wie die Verherrlichung jedes Risikos. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Spatz oder Taube?
Sondern: Gibt mir meine Sicherheit noch Halt? Oder hält sie mich längst fest?
Manchmal ist der Spatz in der Hand genau richtig. Aber manchmal müssen wir die Hand öffnen, damit überhaupt etwas Neues darin landen kann.
Die neue Fassung könnte deshalb lauten:
Sicherheit ist wertvoll – solange sie dir Halt gibt und nicht zum Käfig wird.
Kennst du noch weitere Sprichwörter, über die es wert sind, mal über sie nachzudenken? Dann schreibe mir das gerne in die Kommentare.
Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogdekade im August 2026 entstanden und ist Artikel Nr. 8.
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