
Zuversicht in schwierigen Zeiten: Warum Haltung wichtiger ist als positives Denken
Pia Hübinger fragt in ihrer Blogparade nach “Zuversicht in schwierigen Zeiten. Was mir hilft, wenn sie ins Wanken gerät“. Zugegebenermaßen ein für mich nicht so ganz einfaches Thema. Denn wenn ich mich umschaue, finde ich viele Gründe, die Zuversicht zu verlieren:
Kriege, Gewalt, Hunger, politische Entwicklungen, die mir Angst machen, eine Partei, die braunes Gedankengut wieder salonfähig machen will, Femizide, fehlende Gleichberechtigung, die Klimakrise und immer mehr gesellschaftliche Spannungen. Dazu kommen die Geschichten, die ich in meiner Arbeit höre, das, was Kinder und Jugendliche mit sich herumtragen, und nicht zuletzt meine letzte Krise. Es wäre leicht, daran zu verzweifeln, zumindest verständlich.
Und trotzdem möchte ich das nicht. Ich möchte mich nicht damit abfinden, dass alles immer schlimmer wird und ich ohnehin nichts tun kann. Ich möchte etwas Positives bewirken, auch wenn mein Einfluss begrenzt ist. Aber woher nehme ich diese Zuversicht eigentlich?
Grund genug, Pias Aufruf zu folgen und etwas genauer hinzuschauen.
Zuversicht ist für mich kein Schönreden
“Du musst nur positiv denken, dann wird alles gut“. Das oder ähnliches hast du sicher schon gehört. Auch ich sehe das Glas lieber halb voll als halb leer. Dennoch: Mit positivem Denken allein kann ich wenig anfangen.
Natürlich hilft es, den Blick nicht ausschließlich auf das Schwere zu richten. Aber sich einzureden, dass schon alles gut werden wird, reicht mir nicht. Dafür sind die Probleme zu real, die Schicksale, mit denen ich konfrontiert bin, zu schwer – und manche politischen wie persönlichen Entwicklungen zu bedrohlich.
Zuversicht bedeutet für mich nicht, das Schwierige klein zu reden. Sie bedeutet für mich auch nicht, immer gut gelaunt zu sein, keine Angst zu haben oder jede Krise sofort als Chance zu betrachten. Manche Krisen sind schlicht und ergreifend schmerzhaft und an manchen Erfahrungen könnte man zerbrechen, nicht automatisch stärker werden. Denn es kann sein, dass es einfach Zeit braucht, bis wir überhaupt wieder Boden unter den Füßen spüren.
Zuversicht beginnt für mich deshalb mit etwas ganz anderem: mit dem Annehmen dessen, was ist. Damit meine ich nicht im Sinne von Resignation, sondern im Sinne von Klarheit. Ich kann erst dann entscheiden, wie ich mit einer Situation umgehen möchte, wenn ich aufhöre, gegen ihre Existenz anzukämpfen.
Annehmen heißt nicht hinnehmen
Diesen Unterschied finde ich wichtig. Ich kann anerkennen, dass etwas gerade so ist, wie es ist, ohne es gutzuheißen. Ich kann akzeptieren, dass ich die Welt nicht allein retten kann, ohne deshalb gleichgültig zu werden. Und ich kann meine eigenen Grenzen sehen, ohne mich aus der Verantwortung zu stehlen.
Annehmen bedeutet für mich: Ich verschwende meine Kraft nicht dauerhaft an die Frage, warum die Dinge nicht anders sind. Ich versuche nicht mehr alles und jeden zu verstehen. Stattdessen frage ich mich: Was kann ich jetzt tun?
Manchmal ist das nur eine kleine Entscheidung. Ein Gespräch, ein Widerspruch oder eine Grenze. Eine Teilnahme an einer Demonstration, eine Wahlentscheidung, ein mehr oder weniger wütender Artikel, oder ganz schlicht die bewusste Entscheidung, nicht zu schweigen.
Die großen Probleme unserer Zeit kann ich nicht allein lösen. Aber ich kann mich jeden Tag neu entscheiden, wie ich ihnen begegne.
Wenn Mitgefühl an seine Grenzen kommt
In meiner Arbeit mit Schüler:innen habe ich immer wieder erlebt, wie schwer es sein kann, die eigenen Grenzen auszuhalten.
Da saßen Kinder und Jugendliche vor mir, deren Geschichten mich auch nach Feierabend nicht losließen. Manchmal wusste ich, dass sie nach unserem Gespräch in eine Situation zurückkehren mussten, aus der ich sie am liebsten herausgeholt hätte. Am liebsten hätte ich gesagt: “Du kommst jetzt einfach mit. Bei mir bist du sicher”. Natürlich ging das nicht.
Ich musste mich an Zuständigkeiten halten, Gespräche führen, dokumentieren, Meldungen machen und die offiziellen Wege einhalten. Diese Wege sind wichtig, gerade wenn es um den Schutz von Kindern geht. Aber sie fühlen sich nicht immer so an, als würden sie dem einzelnen Kind schnell genug helfen. Manchmal waren mir die Hände gebunden, obwohl ich das Gefühl hatte, sofort etwas tun zu müssen. Diese Ohnmacht auszuhalten, ist eine der schwierigsten Seiten meiner Arbeit.
Irgendwann merkte ich, dass ich zynischer wurde. Nicht ständig und nicht gegenüber den Schüler:innen, aber in meinen Gedanken, in Gesprächen über das System und über Abläufe, die sich endlos hinzogen. Der Zynismus war vermutlich eine Art Schutz. Wenn mich etwas nicht mehr berührt, muss ich auch meine Hilflosigkeit nicht mehr spüren. Aber Zynismus schützt nicht nur. Er entfernt mich auch von der Person, die ich sein möchte.
Heute sehe ich ihn als Warnsignal. Wenn ich nur noch bitter werde, wenn ich nichts Gutes mehr erwarte und hinter jeder Entscheidung nur noch Versagen vermute, dann ist mir ein Stück Zuversicht abhandengekommen.
Meine letzte Krise hatte sicher auch damit zu tun, dass ich lange sehr viel gesehen, gehört und mitgetragen habe. Ich konnte vieles auffangen, begleiten und in die richtigen Bahnen lenken. Ich konnte aber nicht verhindern, dass manche Kinder in schwierigen Verhältnissen leben mussten. Ich konnte nicht jedes Problem lösen und nicht jede Entwicklung zum Guten wenden. Zu akzeptieren, dass mein Einfluss Grenzen hat, fällt mir bis heute schwer.
Denn Verantwortung zu übernehmen liegt mir. Aber zwischen Verantwortung und dem Gefühl, für alles verantwortlich zu sein, liegt ein großer Unterschied.
Vielleicht bedeutet Zuversicht für mich deshalb auch, nicht mehr zu glauben, ich müsse jeden Menschen retten, um etwas bewirkt zu haben. Am Anfang meines Berufslebens dachte ich nämlich genau das: ich muss die Welt retten mit meiner Arbeit. Aber: Schon ein Gespräch kann wichtig gewesen sein, auch wenn es nicht sofort alles verändert. Ein Kind kann sich daran erinnern, dass ihm jemand zugehört und geglaubt hat. Eine klare Haltung kann Spuren hinterlassen, selbst wenn ich sie später nicht mehr sehen kann. Ich kann nicht alle schwierigen Situationen verhindern.
Aber ich kann einem Menschen für einen Moment das Gefühl geben, nicht allein zu sein.
Vielleicht ist auch das eine Form von Zuversicht.
Mein Nervensystem rettet nicht die Welt – aber es hilft mir, handlungsfähig zu bleiben

Natürlich spielt auch mein Nervensystem eine Rolle. Wenn ich im Daueralarmmodus bin, nur noch schlechte Nachrichten konsumiere und mich innerlich von einer Katastrophe zur nächsten bewege, werde ich irgendwann mit Sicherheit müde und gereizt, wenn nicht sogar vollkommen handlungsunfähig.
Dann hilft mir Regulation. Nicht, weil Atemübungen Kriege beenden oder politische Probleme lösen würden. Sondern weil ich wieder klarer denken kann, wenn mein Körper nicht permanent auf Gefahr eingestellt ist.
Regulation schafft keinen Weltfrieden. Aber sie kann verhindern, dass ich in Ohnmacht stecken bleibe. Sie hilft mir, wieder zu unterscheiden: Was betrifft mich gerade unmittelbar? Was kann ich beeinflussen? Wo brauche ich Abstand? Wo will ich aktiv werden?
Vielleicht ist ein reguliertes Nervensystem nicht die Quelle meiner Zuversicht, aber es ist der Boden, auf dem sie wachsen kann.
Ich wähle bewusst, mit wem ich mich umgebe
Zuversicht hat für mich auch damit zu tun, wen ich in mein Leben lasse. Ich möchte nicht ständig von Menschen umgeben sein, die nur nörgeln, alles schlechtreden und jede Idee sofort zerlegen. Natürlich darf man kritisch sein. Man darf zweifeln, kritisieren, Angst haben und Dinge benennen, die schieflaufen. Dauerhaftes Jammern ohne jede Bereitschaft, etwas zu verändern, raubt mir jedoch Kraft.
Deshalb nehme ich Abstand von Menschen, die mich immer wieder nach unten ziehen. Ich wähle meine Gespräche bewusster und suche die Nähe zu Menschen, die nicht naiv sind, aber trotzdem nach Möglichkeiten suchen. Ich suche Menschen, die hinschauen, ohne zu verzweifeln. Diejenigen, die Haltung zeigen und handeln. Ich suche aber auch Menschen, bei denen ich spüre, dass ich mich auch mal fallen lassen kann. Es sind diejenigen, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlen und mir ein wenig von ihrer Zuversicht abgeben.
Haltung kann ansteckend sein
Ein Beispiel für Haltung ist eine Freundin des Tochterkindes. Sie ist Deutsch-Iranerin und veranstaltet und begleitet die Proteste und Demonstrationen hier in Bonn und Deutschland intensiv. Sie geht auf die Straße, erhebt ihre Stimme und zeigt öffentlich, wofür sie steht. Auf Instagram setzt sie unbequeme Posts, die uns mit Bildern konfrontieren, die aus dem Iran herausgeschmuggelt wurden. Zudem zeigt sie Flagge und versucht Kultur zu bewahren, in dem sie sich der Musik / iranischen Liedern verschrieben hat. Immer, wenn ich sie höre oder ihre Aktionen sehe, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.
Aber nicht etwa, weil ich glaube, dass eine einzelne Stimme sofort alles verändert. Sondern weil sie zeigt, dass Ohnmacht nicht das einzige mögliche Gefühl ist. Sie könnte schweigen, sich zurückziehen. Sie könnte sagen, dass ihr Einfluss ohnehin zu klein ist. Aber sie entscheidet sich anders. Sie entscheidet sich, Haltung zu zeigen, und genau das beeindruckt mich so sehr.
Vielleicht ist Zuversicht manchmal nichts Großes. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem ein Mensch sagt: Ich sehe, was geschieht, und ich werde trotzdem nicht verstummen. Diese Haltung kann andere berühren, ermutigen und in Bewegung bringen. So wie sie mich bewegt.
Wachsen wir wirklich an jeder Krise?
Oft heißt es, dass wir an Krisen wachsen und nur die Herausforderungen bekommen, die wir auch bewältigen können. Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann und ob das nicht auch wieder Schönrederei ist. Manche Krisen sind zu groß, zu schmerzhaft oder zu ungerecht, um daraus eine tröstliche Lebensweisheit zu machen. Niemand sollte sich vorwerfen müssen, eine Krise nicht stark genug bewältigt zu haben.
Was ich allerdings glaube: In schwierigen Zeiten können Fähigkeiten sichtbar werden, die vorher verborgen waren. Wir können lernen, Hilfe anzunehmen, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und uns selbst ernster zu nehmen. Wir können erkennen, was uns trägt und welche Menschen wirklich an unserer Seite stehen.
Aber Wachstum ist kein Automatismus.
Es braucht Zeit, Unterstützung und manchmal auch professionelle Hilfe. Zuversicht heißt für mich deshalb nicht: “Ich werde diese Krise schon allein schaffen”. Sondern eher: “Ich muss sie nicht allein schaffen.“
Zuversicht ist eine Entscheidung

Manchmal warte ich zu sehr darauf, Zuversicht zu fühlen. Als müsste sie plötzlich auftauchen und mich von innen wärmen oder von außen wie eine Decke umhüllen. Doch vielleicht funktioniert sie anders. Vielleicht ist Zuversicht keine Stimmung, sondern eine Entscheidung, die ich immer wieder treffe. Die Entscheidung, nicht wegzusehen und mich von Angst bestimmen zu lassen. Es könnte aber auch die Entscheidung sein, Verantwortung zu übernehmen, ohne mich für alles verantwortlich zu machen. Oder aber die Entscheidung, meine Stimme zu nutzen.
Ich bin nicht zuversichtlich, weil ich glaube, dass automatisch alles gut wird. Ich bin zuversichtlich, weil ich mich weigere, dem Schwierigen das letzte Wort zu überlassen.
Vielleicht reicht das für den Anfang. Für mich auf jeden Fall!
P.S.: Warum die Bilder mit so viel grün? Grün ist bekanntermaßen die Farbe der Hoffnung. Für mich ist es auch aus irgendeinem Grund die Farbe für Zuversicht.
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