
Lebenslearnings, die ich gern früher gewusst hätte
Birgit Elke Ising ruft zur Blogparade auf. Ihr Thema: “Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte“. Mit 60 Jahren habe ich genug Material gesammelt. Ob das nun Lebensweisheiten, Lebensart, Politik etc. ist, egal. Manches habe ich verstanden, manches habe ich immer noch nicht begriffen. Immerhin weiß ich heute ein paar Dinge, die mir mit zwölf, zwanzig, dreißig oder vierzig das Leben vermutlich leichter gemacht hätten. Ob ich damals darauf gehört hätte? So wie ich mich kenne, eher nicht. Daher hat mich diese Blogparade regelrecht angesprungen.
Hier sind sie also: meine persönlichen Erkenntnisse – mal ernst, mal banal, manchmal spät und gelegentlich vollkommen nutzlos, solange man sie nicht selbst erlebt hat. Manchmal ausgeführt, manchmal nur ein kurzer Satz und völlig unsortiert:
- Mit zwölf war ich normalgewichtig. In der Zeit machte ich meine erste Diät. Und danach fast jährlich wieder. Heute sehe ich Fotos von damals und denke: Was war eigentlich mein Problem? Ich war fröhlich, sah gut aus und war einfach schon früh entwickelt. Heute würde ich meinem zwölfjährigen Ich sagen: „Lass den Quatsch und iss dein Eis.“ Ob es auf mich hören würde, bezweifle ich. Zwölfjährige sind für die Ratschläge älterer Frauen bekanntlich nur begrenzt empfänglich – selbst wenn es sich dabei um ihr späteres Ich handelt.
- Mein Körper ist mein Freund. Auch meinen Körper hätte ich gern früher besser verstanden. Ich habe lange erwartet, dass er einfach funktioniert. Möglichst zuverlässig, möglichst unauffällig und bitte ohne Beschwerden. Wenn er müde war, sollte er sich zusammenreißen. Wenn etwas wehtat, war das lästig. Wenn ich erschöpft war, brauchte ich vermutlich nur ein freies Wochenende. Der Körper sieht das mit dem Funktionieren jedoch etwas anders. Er sendet Hinweise. Erst freundlich, dann deutlicher. Und wenn man ihn lange genug ignoriert, wird er unangenehm konsequent. Im Nachhinein betrachtet hätte ich manche Zeichen früher ernst nehmen können.
- Bin ich wirklich zu klein für mein Gewicht? Was eher witzig klingen sollte, hatte einen handfesten Hintergrund: Viele Jahre dachte ich, ich sei einfach zu dick. Mein Arzt formulierte es einmal genau so: Ich sei zu klein für mein Gewicht. Das war natürlich sehr hilfreich. Schließlich konnte ich an meiner Körpergröße eher wenig ändern. Also blieb als Erklärung nur, dass ich mich offenbar nicht genügend zusammenriss, zu wenig Disziplin hatte oder irgendetwas grundsätzlich falsch machte. Also machte ich weiter Diäten, ging mehrere Male in der Woche ins Fitnessstudio, entwickelte eine Bulimie. Erst viel später bekam ich die Diagnose Lipödem. Und plötzlich veränderte sich mein Blick auf meinen Körper. Nicht alles war eine Frage von Essen, Bewegung oder Willenskraft. Es lag nicht daran, dass ich mich nicht genug bemühte. Ich hatte eine Erkrankung. Diese Erkenntnis war einerseits entlastend und andererseits bitter. Denn wie viel Zeit hatte ich damit verbracht, mich selbst für etwas verantwortlich zu machen, das ich gar nicht einfach wegdisziplinieren konnte? Ich hätte gern früher gewusst, dass mein Körper nicht mein persönlicher Misserfolg ist. Und dass „zu klein für dein Gewicht“ keine Diagnose ist, sondern höchstens ein ziemlich schlechter Witz – noch dazu von einem Menschen, der mir eigentlich helfen sollte.
- Rotwerden ist unangenehm, aber kein Weltuntergang. In der Schule wurde ich sofort rot, wenn ich aufgerufen wurde. Ich hatte immer im Kopf, ich weiß die Antwort nicht, die anderen sind schlauer als ich. Je mehr ich hoffte, dass niemand es bemerkt, desto roter wurde ich natürlich. Um das zu umgehen, machte ich was ganz Verrücktes: Ich wurde mehrfach hintereinander zur Klassensprecherin gewählt und nahm es auch an. So hatte ich immer wieder Training, bei den Lehrer:innen die Interessen der Klasse zu vertreten. Allmählich wurde es besser. Hätte ich damals gewusst, dass meine Mitschülerinnen und Mitschüler wahrscheinlich nur froh waren, selbst nicht dranzukommen, hätte mich mein roter Kopf vielleicht weniger beschäftigt. Die anderen dachten sehr viel weniger über mich nach als ich selbst. Diese Erkenntnis hätte mir auch später geholfen. Das Rotwerden beschäftigte mich auch noch im Erwachsenen Alltag einige Zeit, aber irgendwann konnte ich daran einen Haken machen.
- Die anderen denken viel weniger über mich nach, als ich dachte. Ich habe in meinem Leben viel darüber nachgedacht, was andere von mir halten könnten. War ich zu laut? Zu direkt? Zu still? Zu empfindlich? Zu wenig empfindlich? Hätte ich etwas anders sagen sollen? Wahrscheinlich hätte ich mit all diesen Gedanken mehrere mittlere Romane füllen können. Heute weiß ich, dass andere Menschen meistens sehr viel mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit mir. Das ist gleichzeitig ernüchternd und befreiend. Während ich abends darüber nachdachte, ob meine Bemerkung am Vormittag vielleicht unpassend war oder wie sie angekommen sein könnte, dachte mein Gegenüber womöglich darüber nach, ob seine Hose beim Sitzen komisch ausgesehen hatte. Wir alle sind offenbar Hauptdarsteller in unserem eigenen Film und Statisten in den Filmen der anderen.
- Nicht jeder Gedanke verdient Aufmerksamkeit. Mittlerweile bin ich sogar der Auffassung, dass wir nicht alles glauben sollten, was uns unser Kopf an Gedanken schickt. Unser Gehirn will uns vor Gefahren schützen und schickt dann so komische Gedanken. Heute glaube ich längst nicht mehr alles, was mein Kopf mir erzählt. Er produziert zuverlässig Warnmeldungen wie „Das könnte schiefgehen“ oder „Hast du wirklich an alles gedacht?“. Manches davon ist sinnvoll, manches bloß übervorsichtiges Kopfkino.
- Lampenfieber / Aufgeregtheit ist etwas völlig Normales: Ich spielte in einer Band bzw. sang später im Gospelchor. Vor jedem Auftritt hatte ich fürchterliches Lampenfieber. Ich hätte damals gern gewusst, dass wahrscheinlich alles gut gehen würde. Dass das Publikum nicht nur gekommen war, um auf meinen ersten Fehler zu warten. Und dass ein falscher Ton nicht zwangsläufig das Ende meiner musikalischen Laufbahn bedeutete. Allerdings: Ganz ohne Aufregung wäre ein Auftritt vermutlich auch kein richtiger Auftritt gewesen. Dann hätte ich genauso gut im Wohnzimmer spielen oder singen können, vor einer Zimmerpflanze und drei gelangweilten Sofakissen. Ach stimmt – das mache ich ja manchmal. Heute weiß ich: Aufgeregt zu sein bedeutet nicht automatisch, dass etwas schiefgeht. Manchmal bedeutet es nur, dass einem etwas wichtig ist. Damals hätte mir allerdings auch der schlichte Satz gereicht: „Du wirst das überleben.“
- Bei der Erziehung ist man hinterher immer klüger. Auch bei der Erziehung beim Tochterkind gibt es Dinge, die ich heute anders machen würde. Manches hätte ich lockerer genommen. Bei anderem hätte ich genauer hingeschaut. Wahrscheinlich hätte ich weniger schnell gedacht, dass etwas unbedingt so oder so sein müsse. Das ist natürlich leicht gesagt, wenn das Kind längst erwachsen ist und man selbst mit dem Wissen von heute auf das eigene frühere Handeln schaut. Damals hatte ich dieses Wissen nicht. Ich hatte Ratgeber, andere Mütter (wer kennt die sogenannten “Sandkastenmütter”, deren Kinder schon immer so viel weiter sind wie das eigene?), eigene Vorstellungen und vermutlich eine beachtliche Menge Unsicherheit. Heute würde ich mir manches früher erklären lassen, weniger dramatisieren und bei einigen Dingen einfach abwarten. Ob das immer besser gewesen wäre? Keine Ahnung. Elternschaft ist schließlich kein Bereich, in dem man irgendwann ein Lösungsheft zugeschickt bekommt, wie Konflikte zu lösen sind.
- Nicht alles, was meine Eltern mir mitgegeben haben, muss für immer gelten. Vieles, was ich früher für selbstverständlich hielt, hatte ich aus meiner Erziehung übernommen. Z.B. Arbeiten, um zu sparen bzw. auf die hohe Kante für später legen. Sich jetzt einen Kneipenbesuch verkneifen, damit später genug da ist. Nur: wann ist dieses “Später”? Das sind grundsätzlich keine schlechten Gedanken. Vorsorge ist sinnvoll, und Geld wächst leider auch heute noch nicht auf Bäumen. Nicht einmal auf besonders gut gedüngten. Aber lange klang in diesen Sätzen auch mit, dass das eigentliche Leben irgendwann später beginnt. Wenn ich genug (??) gearbeitet habe, genug gespart habe, alles Mögliche abgesichert und versichert habe, etc. Allerdings: ein “Später” lässt sich nicht planen, zumindest nicht so zuverlässig, wie wir gerne glauben. Mein Leben ist anders verlaufen, als ich es mir früher vorgestellt hätte. Auch die Welt ist heute eine andere. Arbeitsleben, Renten, Sicherheiten und Möglichkeiten haben sich verändert. Vor allem aber habe ich verstanden, dass ich nicht mein ganzes heutiges Leben aufschieben möchte, um irgendwann vielleicht besonders vernünftig gelebt zu haben. Ich möchte mir heute etwas gönnen, reisen, schöne Dinge erleben und mein Leben nicht ausschließlich als Vorbereitung auf das Alter betrachten. Denn möglicherweise sitze ich sonst irgendwann auf einer sehr hohen Kante und frage mich, weshalb ich dort eigentlich so lange gesessen habe.
- Eine Sumatra-Karte hilft wenig, wenn man nach Java fährt. Vor unserer ersten Indonesienreise malte ich eine Karte von Sumatra ab und markierte die Punkte, die ich für sehenswürdig hielt. Die Karte sollte uns unterwegs schnell und jederzeit zeigen, was in der Nähe lag. Viel Arbeit. Und was war? Dann fuhren wir überhaupt nicht nach Sumatra, sondern nach Java. Meine Karte war ordentlich, durchdacht und vollkommen nutzlos. Mittlerweile lassen wir uns im Urlaub oft treiben. Dennoch schaue ich immer wieder nach, was gerade in der Nähe ist (Internet sei Dank). Andererseits kann ich natürlich auch nichts vermissen, von dem ich gar nichts weiß – zumindest so lange, bis mir andere Reisende davon erzählen. Meine Erkenntnis: Das Leben betrachtet meine Pläne offenbar eher als unverbindliche Anregungen.
- Mein Haus darf chaotisch sein. Mein Haus ist selten so ordentlich, dass jederzeit eine Wohnzeitschrift unangekündigt fotografieren könnte. Eigentlich nie. Damit kann ich inzwischen leben. Ich putze und räume auf, wenn es nötig ist. Was „nötig“ bedeutet, ist allerdings auslegungsfähig. Meine Zeit verbringe ich lieber mit Reisen, Spielen, Lesen oder anderen schönen Dingen. Ein makelloser Fußboden hält ohnehin nur so lange, bis wieder jemand den Raum betritt. Zwischen völligem Chaos und einem Haus, in dem sichtbar Menschen wohnen, gibt es eine große Fläche. Dort wohne ich. Staub ist kein moralisches Versagen. Mein Besuch darf sehen, dass hier Menschen leben.
- Nicht alles muss erledigt sein, bevor ich Pause mache. Mit „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ bin ich inzwischen fertig. Früher dachte ich oft, ich dürfe erst Pause machen, wenn alles erledigt ist. Das Problem aber ist: Es ist nie alles erledigt. Aufgaben besitzen eine erstaunliche Fähigkeit zur Vermehrung. Streicht man einen Punkt von der Liste, tauchen irgendwo zwei neue auf. Inzwischen mache ich manchmal trotzdem Pause. Gelegentlich denke ich währenddessen zwar noch darüber nach, was noch erledigt werden müsste. An der vollkommenen Gelassenheit arbeite ich also weiterhin. Wenn ich sie erreicht habe, gebe ich Bescheid.
- Ich muss nicht von allen gemocht werden. Das geht ohnehin nicht. es gibt immer wieder Menschen, mit denen ich anecke. Aber das ist mir mittlerweile egal, denn ich umgebe mich mit den Menschen, die zu mir und meinen Werten passen. Wenn da mal jemand dazwischen ist, bei dem das so nicht ist, dann suche ich ein klärendes Gespräch. Entweder das bringt was oder: Ciao.
- Erwachsene improvisieren viel mehr, als Kinder glauben. Als Kind dachte ich, Erwachsene wüssten, wie das Leben funktioniert. Sie konnten Auto fahren, Formulare ausfüllen und wussten meistens, wann die Müllabfuhr kam. Wie das? Zauberei? Es wirkte zumindest kompetent und vertrauenswürdig. Später wurde ich selbst erwachsen und stellte fest: Wir improvisieren erstaunlich viel. Wir treffen Entscheidungen, obwohl wir nicht wissen, ob sie richtig sind. Wir übernehmen Verantwortung, ziehen Kinder groß, wechseln Berufe, führen Beziehungen und tun dabei gern so, als hätten wir einen Plan. In Wahrheit hoffen wir oft nur, dass niemand merkt, wie wenig wir wissen. Heute finde ich das beruhigend. Ich muss nicht für alles sofort eine Lösung haben. Manchmal reicht es, den nächsten Schritt zu sehen. Und manchmal reicht es auch, erst einmal etwas zu trinken.
- Wissen schützt nicht vor Krisen. Ich habe viel über Stress, Erschöpfung, Burnout, Gesundheit und Veränderung gelernt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Dennoch schützt mich dieses Wissen nicht automatisch vor Krisen. Das ist ein wenig so, als hätte man die Bedienungsanleitung gelesen und das Gerät macht trotzdem, was es will. Ja, ich erkenne heute manches früher und verstehe mehr. Ich kann Zusammenhänge besser einordnen. Und trotzdem bin ich ein Mensch und kein perfekt reguliertes Nervensystem auf zwei Beinen. Auch das hätte ich gern früher gewusst. Nicht alles, was ich weiß, kann ich jederzeit auch umsetzen. Es kann mich aber stärken.
- Das Älterwerden hat durchaus auch Vorteile. Ich muss nicht mehr jeder Mode folgen, nicht überall dazugehören und nicht mehr so tun, als fände ich Dinge spannend, die mich langweilen. Dafür darf ich meine Meinung ändern. Ich darf absagen, früher gehen oder gar nicht erst kommen. Ich darf auch meine grauen Haare, die ich übrigens sehr liebe, ganz offen tragen. Ich möchte nicht nochmal 20 sein. Okay, ich hatte damals weniger Falten, dafür viel mehr Zweifel. Heute sehe ich vieles gelassener mit meiner “Altersweisheit”, was nicht bedeutet, dass mir alles egal ist. Im Übrigen habe ich zu meinem 60. Geburtstag einen Artikel genau zu diesem Thema geschrieben.
- Nagellack und Co nur dann, wenn ich das mag. Ich muss keine Röcke, gedeckte Farben oder Nagellack tragen, nur weil andere ein bestimmtes Bild von einer erwachsenen Frau haben. Bei einem Vorstellungsgespräch mit Mitte 20 zog ich einen ungewohnt eleganten Rock an und wirkte prompt auf eines der Mädchen in der Wohngruppe „affektiert“. Sie hatte nicht ganz unrecht: Ich war verkleidet und fühlte mich auch so. Gut, dass sie mich später anders kennen lernte und wir eine gute Zeit zusammen hatten.
- Schreiben öffnet innere Türen. Schon als Schülerin liebte ich den Deutschunterricht und das Schreiben, am liebsten, wenn ich es frei gestalten konnte (ging ja nicht immer). Irgendwann ist mir im Erwachsenenalter das Schreiben abhanden gekommen. Es war keine Zeit, keine Muße, nicht die richtige Stimmung, etc. Erst als ich 2020 Judith Peters und The Content Society – damals noch unter einem anderen Namen – entdeckte, startete ich meinen Blog und mit ihm das Schreiben. Heute hilft es mir, Gedanken zu sortieren, einen roten Faden zu finden, über Dinge auch aus einer anderen Perspektive nachzudenken. Gerade momentan schreibe ich mir zum Teil die Seele heraus. Also nein, nicht ganz so dramatisch. Ich liebe es einfach und würde es nicht mehr missen wollen. Wenn du mehr davon lesen willst, stöbere doch einfach in meinem Blog oder abonniere meinen Newsletter. Dort teile ich wöchentlich Gedanken und Impulse.
- Ich liebe Kommunikation, genieße es aber auch, mich zurückzuziehen. In meinem Job als Schulsozialarbeiterin und auch als Coach muss ich immer wieder viel reden. In meiner privaten Zeit liebe ich es daher, mich zurückzuziehen und die Ruhe zu genießen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht über Besuch freue oder mich komplett einigele. Aber ich weiß, dass ich beides brauche. Und das ist durchaus in Ordnung für mich.
- Herausforderungen sind gut, ich muss aber nicht auf alle reagieren. Seit ich denken kann, liebe ich es, mich an Herausforderungen zu reiben und daran zu wachsen: Vom Land in die Großstadt als FSJ? Kein Problem. Aber bitte nicht in irgendeinem Krankenhaus, das musste dann schon eine Einrichtung der offenen Psychiatrie sein. Bis mich ein Patient in einem schizophrenen Schub mitnehmen wollte als sein Jünger, da er sich für Moses hielt. 19 Jahre alt war ich da. Ich fragte mich irgendwann, wo die “normale” Welt beginnt bzw. endet und die andere anfängt und wer von uns die “Normalos” sind und wer nicht. Oder Praktikum im Studium: Natürlich gehe ich in den Jugendknast und biete dort wöchentlich gemeinsam mit einer Studienkollegin ein Gruppenangebot an. Bis wir gefragt wurden, ob wir in unserer Freizeit nichts Besseres zu tun hätten (und zwar nicht von den Gefangenen). Heute – wie damals auch schon – habe ich null Verständnis für solche Äußerungen. Damals war ich nur nicht schlagfertig genug. Oder erster Job und ich lande in einer betreuten Wohngruppe im Schichtdienst mit missbrauchten Mädchen. Damals dachte ich echt, ich falle vom Glauben ab – im wortwörtlichsten Sinn. Mittlerweile sortiere ich aus, welche Herausforderungen ich annehme. Wobei: das habe ich da auch gemacht, ich war lediglich zu naiv? Zu unerfahren? Glaubte zu sehr an das Gute?
- Lebenslanges Lernen ist wichtig und notwendig. Auch dazu habe ich einen Artikel geschrieben. Ich liebe es zu lernen. Sobald ich etwas nicht verstehe, brauche ich Bücher, Workshops oder gleich eine ganze Ausbildung – mein Kopf ist erst zufrieden, wenn er das Thema wenigstens halbwegs durchdrungen hat. Dass ich danach nicht jede Ausbildung bis zum bitteren Ende brauche, habe ich allerdings auch lernen dürfen.
- Humor hilft über manche ernste Lage hinweg. Ohne Humor hätte ich meine Arbeit als Schulsozialarbeiterin nie machen können. Nicht im Sinne von Auslachen oder über etwas hinweggehen, sondern um Situationen zu entspannen und nicht alles so bierernst zu nehmen.
- Ich kann nicht die ganze Welt retten. Niemals!!
- Ich darf Nein sagen, wenn ich will. Jedes Nein ist ein Ja zu mir selbst, hat mal irgendein kluger Kopf gesagt, und es stimmt!
- Nur wer spricht, dem kann geholfen werden: Kein goldenes Schweigen, communication is the key. Andere können nicht erraten, was ich brauche. Reden hilft meistens mehr als goldenes Schweigen – auch wenn ich gelegentlich erst nach dem Gespräch weiß, was ich eigentlich sagen wollte. Ob in Beziehungen jeglicher Art, beim integrieren in andere Gesellschaften oder wenn ich im Urlaub bin und wenigstens rudimentäre Sprachkenntnisse vorzuweisen habe. Kommunikation ist ein echter Türöffner.
- Eine Entschuldigung macht nicht alles wieder gut. Aber sie zeigt mir, sofern sie ernstgemeint ist, dass mein Gegenüber darüber nachgedacht hat und der Fehler (nicht ausschließlich) bei mir liegt.
- Ein „Aber“ kann alles davor Gesagte ziemlich zuverlässig entwerten. Besonders in Sätzen wie: „Ich habe ja nichts gegen …, aber …“
- Familienmuster sind zäh und schwer aufzudröseln. Dachte ich, bei mir ist nix los und nur in anderen Familien gibt es Handlungsbedarf? Ja. Stimmt aber nicht.
- Pläne sind nicht alles im Leben und manchmal ist es besser, wenn aus einer To-Do-Liste eine Tada-Liste wird.
- Ich muss nicht immer das Glas halbvoll finden. Positives Denken braucht auch Haltung dahinter, sonst ist es lediglich Schönrederei.
- Es ist mein Leben und ich bestimme, wer darin vorkommt und was sich darin abspielt. Punkt!
- Nur weil du etwas in deiner Art und Weise interpretierst, hat es noch lange keine Gültigkeit für mich.
- Perspektivwechsel machen gegenseitiges Verstehen einfacher.
- Zeit heilt nicht immer alle Wunden. Leider gibt es Wunden, die immer wieder aufreißen. Zeit macht die Wunden vielleicht akzeptabler, aber nicht ungeschehen.
- Es braucht auch heute noch eine große Portion Feminismus. Warum? Dazu habe ich in den letzten Jahren zum Weltfrauentag diesen (von 2021), diesen (2023), diesen (2024), diesen (2025) und diesen (2026) Artikel geschrieben. Und wahrscheinlich werde ich noch weitere Artikel schreiben, so lange das nötig ist.
- Dazu gehört für mich auch: Nein ist ein ganzer Satz und nur Ja heißt Ja. Auch wenn das irgendwelche Steinzeitmenschen immer noch nicht kapieren.
- Die Natur ist mein Kraftort, insbesondere mit Wasser jeglicher Art (nehme auch Wasser aus dem Brunnen…). Manchmal muss ich mich einfach zurückziehen, um wieder aufzutanken, Energien zu finden, mich zu sammeln und zusammenzusetzen. Das geht am besten mit unserem Wohnwagen, mit dem wir autark stehen können. So haben wir in Skandinavien schon die schönsten Orte gefunden, von denen ich nicht mehr wegwollte oder zu denen es mich immer wieder hinzieht. Ich nehme aber auch unseren kleinen Garten, in dem immer etwas blüht oder in dem ich immer etwas zum Naschen finde. Auch hierzu gibt es einen Artikel mit wunderschönen Bildern und Anregungen zu den Kraftorten in uns selbst.
- Ohne Spielen ist ein Leben möglich, aber nicht sinnvoll. Vom Einfluss von Spielen auf mich und von deren Sinn (oder Unsinn) spreche ich in diesem Artikel.
- Besondere Momente? Gibt es jeden Tag. Du musst nur genau hinschauen.
- Kaffee, Tee und Morgenluxus: Kaffee ist eine meiner großen Lieben, auch wenn ich ihn meiner Gesundheit zuliebe inzwischen häufiger gegen Tee austausche. Morgens eine Tasse im Bett zu trinken und langsam in den Tag zu starten, ist für mich inzwischen echter Luxus – erstaunlich, dass ich das erst so spät entdeckt habe.
- Hobbys aufgeben zugunsten Alltagserledigungen ist gelinde gesagt bescheuert. Seit ich im Erwachsenenleben nach dem Studium angekommen bin (mehr oder weniger) habe ich fast alle meiner Hobbys aufgegeben, weil ich dachte, dafür wäre schlicht keine Zeit mehr. Völliger Blödsinn. Mittlerweile nähere ich mich aber wieder alten Lieblingsbeschäftigungen an.
- Hör auf zu denken, irgendwann ist der Haushalt erledigt. Frisch gesaugt? Zack – schlurft der Göttergatte mit irgendeinem Baumstamm durch die Wohnung (im übertragenen Sinne). Wäsche alle abgenommen und vielleicht sogar schon gebügelt? “Du hast da was vergessen”…. Also mache ich mittlerweile das, was wichtig und nötig ist. Immerhin leben wir in unserem Haus.
- Mal im Leben zu scheitern ist kein Weltuntergang. Ich darf schauen, woran es lag, mich kurz ärgern und anschließend neu anfangen.
- Planung ist gut, aber nur das halbe Leben (wenn überhaupt). Siehe Punkt 10.
- Im Beruf ist jede und jeder ersetzbar. Es fehlt anschließend vielleicht meine persönliche Note, aber die Welt dreht sich weiter eine ernüchternde und ziemlich entlastende Erkenntnis..
- Ich darf mir Dinge und Situationen leicht machen, auch wenn andere es nicht so sehen! Warum sollte alles nur schwer von der Hand gehen?
- Nicht jede Äußerung, die andere machen, gilt dir. Du würdest dich wundern, wie wenig andere über dich denken, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.
- Deine Gefühle sind deine Gefühle und nicht meine! Ich bin nicht für jedes Gefühl anderer Menschen verantwortlich. Ich darf Anteil nehmen, ohne es sofort zu meinem eigenen Problem zu machen.
- Alte Glaubenssätze und Sprichwörter dürfen auf ihr Verfallsdatum und Gültigkeit überprüft werden. Siehe auch Punkt 9: “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen”, “Schuster, bleib bei deinen Leisten”, “Müßiggang ist aller Laster Anfang”, “Es ist nicht alles Gold, was glänzt”, “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold”, “Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach”, “Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm” (darüber habe ich sogar meine Diplomarbeit geschrieben), “Das Glück ist mit den Dummen”….. Ich überlasse dir die weitere Interpretation. Wobei mich das inspiriert, eine Artikelreihe über Sprichwörter zu schreiben… Mal sehen.
- Muss ich mich entscheiden, Eule oder Lerche zu sein? Mal bin ich das eine, mal das andere, je nachdem, in welcher Situation oder Ort ich mich befinde. In Skandinavien werde ich zur Lerche und schwimme erst mal eine Runde im See, zu Hause bin ich eine mittelmäßige Eule und sitze gerne am Lagerfeuer. Also was soll´s?
- Ich habe meine Werte und meine Haltung, die ich auch verteidige, wenn nötig. Meine Werte sind nicht verhandelbar, auch wenn mir das Leben dadurch nicht immer leichter fällt. Ich habe schon Kundinnen abgelehnt, Arbeitsplätze gewechselt und Kontakte beendet, weil das Verhalten oder die politische Haltung meines Gegenübers nicht mit meinen Werten vereinbar war. Am Ende möchte ich noch in den Spiegel schauen können – und nicht nur prüfen, ob die grauen Haare sitzen.
- Ich jongliere meist mehrere Bälle in der Luft und verliere gelegentlich das Interesse, sobald ich verstanden habe, wie etwas funktioniert. Manche Projekte bleiben deshalb liegen – nicht immer, weil ich gescheitert bin, sondern weil meine Neugier längst weitergezogen ist.
- Sich Hilfe und Unterstützung zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eher Stärke.
- Krankheit und “Du siehst gut aus”: Nur weil man mir nicht ansieht, dass es mir schlecht geht, bedeutet das nicht, dass es mir gut geht. Während meiner Erkrankung hörte ich häufig, ich sähe doch prima aus – meist wegen gebräunter Haut und eines frischen Haarschnitts. Niemand sah, wie viel Kraft es mich gekostet hatte, überhaupt vor die Tür oder zum Friseur zu gehen.
- Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen. Auch eine Selbstständigkeit hat kein vorgeschriebenes Höchstalter.
- Jeder Mensch hat Ressourcen in sich liegen, auch wenn sie manchmal ziemlich gründlich verschüttet sind. Ich weiß aus eigener Erfahrung und aus meiner Arbeit, dass sie sich wiederentdecken lassen.
- Umwege sind manchmal nötig. Lass dir nicht einreden, das wäre vertane Zeit! Es ist ein Lernfeld.
- Lass dir nicht einreden, dass Arbeit immer schwer sein muss, sonst ist es keine Arbeit. Sie darf auch leicht gehen und du darfst Spaß daran haben. Ohne Spaß wäre ich nicht so lange Schulsozialarbeiterin, sondern am System verzweifelt.
- Harmonie? Liebe ich. Leider gibt es darum oftmals einen Eiertanz. Den liebe ich nicht und bin ein Fan von Direktheit und Klarheit. Das ist manchmal anstrengend, aber ehrlicher.
- Das Bauchgefühl entscheidet meist viel ehrlicher und schneller als der Kopf. Mehr darauf zu vertrauen, würde mir manche Entscheidung erleichtern.
- Keiner dankt es dir, wenn du schwierige Situationen einfach aushältst. Setze einen Schlusspunkt und fertig!
- Eine Buchhandlung ist mein Paradies. Setze mich dort einfach ab und hole mich am Abend wieder. Ich könnte stundenlang durch die Regale stöbern und in Bücher hineinlesen. Mache ich eigentlich viel zu selten. In Budapest habe ich den Traum einer Buchhandlung entdeckt: reingehen und eine Atmosphäre voller Stuck und Glanz genießen, mit einem kleinen Café und Live-Klaviermusik. Ein Träumchen!
- Anders sein ist eine Stärke. Da ist nichts falsches dran! Egal, was deine Umgebung und / oder deine Familie dazu sagt.
- Ich muss nicht alles verstehen, aber nachfragen darf ich doch wohl!
- Und falls mir morgen noch etwas einfällt: Fortsetzung folgt. Mit 60 ist man schließlich noch lange nicht fertig mit den Erkenntnissen.

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