Persönliches

Weltfrauentag 2024 – “Inspire Inclusion”

Es ist wieder so weit: der 8. März ist da und mit ihm der Weltfrauentag. Heute erfahren wir wieder einmal mehr etwas über seine Entstehung und es wird wie jedes Jahr die Frage gestellt, ob wir diesen Tag überhaupt noch brauchen. Um ihn herum diskutieren wir ebenso die verschiedenen gaps wie die gender pay gaps, gender lifetime earning gap, gender pension gap, gender care gap und was es nicht noch alles für Lücken gibt. Ich bin nun 58 Jahre alt und mich ermüden diese Diskussionen, denn eigentlich sollte sich seit meinem Engagement für Feminismus in meiner Studienzeit in den 80ern schon längst etwas verändert haben. Okay, hat es auch. Meiner Meinung nach aber immer noch nicht genug und vor allem: nicht schnell genug.

Wenn ich mir jedes Jahr erneut anhören muss, dass wir Frauen uns doch nicht beschweren bräuchten, es gäbe doch schon Gleichberechtigung genug, dann könnte ich – entschuldige die Wortwahl – im Kreis kotzen. Mein eigenes Tochterkind ist mittlerweile im Erwachsenenalter und ich bin manchmal fassungslos, was sich diese Generation anhören muss oder was auf diversen sozialen Portalen an misogynen Inhalten verbreitet wird… Für mich erübrigt sich damit schon die Frage nach der Notwendigkeit eines Weltfrauentages. Es gibt aber auch noch jede Menge andere Gründe:

(Häusliche) Gewalt an Frauen und Femizide

Ehimetalor Akhere Unuabona auf Unsplash

Das ist ein Thema, das mich schon viel Herzblut gekostet hat. Als Sozialarbeiterin und als Trainerin in Selbstbehauptungskursen für Mädchen muss ich mich kontinuierlich mit diesem Thema auseinandersetzen. Mich erschrecken immer wieder die offiziellen statistischen Zahlen: Jede dritte Frau in Deutschland wurde bereits in ihrem Leben Opfer von häuslicher und / oder sexualisierter Gewalt (siehe hier). Dabei ist diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gestiegen. Eine genauere Aufteilung der Statistik in einzelne Unterthemen findest du hier. Wie viele Frauen erst gar keine Anzeige bei einem sexualisiertem Gewaltdelikt machen, lässt sich nicht genau sagen. Die Dunkelziffer liegt jedoch deutlich höher.

Jeden dritten Tag findet ein sogenannter Femizid, also die Ermordung von Frauen durch Männer aufgrund ihres Geschlechtes, statt. Darunter fallen “nur” die vollendeten Delikte. Hinzu kommen noch die Tötungsversuche der männlichen Täter. Diese sind im Übrigen besonders häufig Partner / Ex-Partner im Rahmen einer Trennung. Ein Schelm, wer dabei an geschlechtsspezifische Macht- und Hierarchieverhältnisse denkt! Wenn du das Thema vertiefen möchtest, dann ist die Seite der Bundeszentrale für politische Bildung sehr hilfreich.

Selbstbehauptungskurse

Als Trainerin in Selbstbehauptungskursen für Mädchen hinterfragen wir (mein Trainer:innenteam) natürlich immer, warum die Mädchen zu uns kommen und ob sie (von den Eltern) geschickt wurden. Interessanterweise ist eine häufig genannte Motivation unter anderem, dass die Mädchen sich davon versprechen, ihre Ausgehzeiten zu erweitern, weil die Eltern sie dann als “sicher” und abwehrbereit für all die “bösen Männer, die da draußen herumlaufen”, ansehen. Das äußern diese im Übrigen immer wieder in unseren Elternabenden. Ebenso ist der Glaube noch fest in den Köpfen verhaftet, Täter könnte nie und nimmer ein:e gute:r Bekannte:r oder nahe:r Verwandte:r sein. Das Erstaunen ist jedes Mal groß, wenn wir mit Statistiken und realen Fällen das Gegenteil aufzeigen. Solange diese Selbstbehauptungskurse speziell für Mädchen und Frauen existieren und solange sie damit offensichtlich noch nötig sind, solange hat sich die Situation für Mädchen und Frauen nicht entschärft.

Verhaltenstipps für Mädchen und Frauen

Raquel Garcia auf Unsplash

Wie viele Tipps kennst du bzw. hast du schon gehört, wie sich Mädchen und Frauen verhalten sollen, wie sie sich anziehen, schminken, tanzen, ausgehen, verhüten etc. sollen, um nicht Opfer einer sexualisierten Gewalttat zu werden? Wie viele dieser Tipps richten sich dabei an Jungen / Männer? Okay, nicht alle Jungen / Männer haben “Böses” im Sinn, aber eben doch einige. Sonst würde ja nicht jede dritte Frau Opfer eines solchen Übergriffes werden.

In meinen Anfängen als Sozialarbeiterin musste ich mit einem Mädchen zur Polizei gehen, da sie Anzeige wegen einer versuchten Vergewaltigung stellen wollte. Die Reaktion des männlichen Polizisten (einen Anspruch auf Befragung durch eine Polizistin bei Anzeige gab es damals noch nicht) war: “Wenn du so angezogen herumläufst, brauchst du dich nicht zu wundern”. Das saß tief und hatte zum Ergebnis, dass sie doch keine Anzeige stellen wollte, weil sie sich der Demütigung und dem weiteren Procedere nicht unterwerfen wollte. Okay, das hat sich doch ein wenig geändert. Polizistinnen nehmen in der Regel die Anzeigen auf, eine solche öffentlich ausgesprochene Bewertung habe ich seitdem so nicht mehr gehört. Aber dennoch werden Anzeigen häufig nicht gestellt aus Scham, aus Angst vor Demütigung, dass einem nicht geglaubt wird oder die Opfer Druck ausgesetzt sind. Oder die Opfer fragen sich aufgrund von Sozialisation zum Beispiel, ob der Rock nicht vielleicht doch einen Fingerbreit zu kurz war, das Make-up zu aufreizend, das Verhalten zu auffordernd und gehen deswegen nicht zur Polizeit. Das Schuldverhältnis wird umgekehrt. Hat nicht jede Frau das Recht, sich so zu kleiden, wie sie mag? Und unterstellt eine solche (meist männliche) Denkweise nicht jedem Mann, dass er sich möglicherweise nicht im Griff haben könnte? Ein Umdenken, auch bereits in der Erziehung von Jungs, ist daher dringend erforderlich.

Gender Gaps

Über die ganzen Gender gaps habe ich eingangs schon geschrieben und ich bin es leid, sie immer wieder neu formulieren zu müssen. Warum werden Männer und Frauen bei gleicher Arbeit nicht gleich bezahlt? Warum klafft da eine Lücke von ca. 18 % Unterschied? Warum leisten immer noch Frauen die meiste Care Arbeit und warum ist das nicht gleich verteilt? Logisch, dass die Altersarmut weiblich ist, denn unter den Voraussetzungen können ja keine Rücklagen bzw. Einzahlungen für eine ausreichende Altersversorgung gemacht werden. Meines Wissens ist Island im europäischen Vergleich das einzige Land, dass eine bis auf 1% annähernde gleiche Bezahlung zwischen den Geschlechtern erreicht hat. Ebenso gibt es in etwa genauso viele Frauen in Führungspositionen, und zwar aufgrund deren Qualifizierung und nicht, weil sie Frauen sind und eine Quote erfüllt werden muss. Solange es diese Gaps gibt, ist ein Weltfrauentag immer noch nötig.

Weitere Gründe

Es gibt noch soviel mehr Gründe für einen Weltfrauentag:

  • Grundsätzlich Solidarität mit den Frauen in anderen Ländern. Was ist mit deren Rechten? Eine Liste der Länder, die weltweit die höchste Gewaltrate gegen Frauen haben, findest du hier. An erster Stelle steht Indien, gefolgt von Syrien und Afghanistan. Genannt werden hier Genitalverstümmelungen, Zwangsehen (von Minderjährigen), gewalttätige Übergriffe wie Säureangriffe bei Abweisungen, sexuelle Sklaverei, Vergewaltigungen als Kriegswaffe, Missbrauch etc. Das ganze liest sich wie eine Horrorliste. Was ist mit den immer noch inhaftierten Frauen, zum Beispiel im Iran? Wir müssen ihnen eine Stimme geben, wenn sie ihre nicht mehr erheben können. Wenn wir nicht mehr über sie sprechen, dann können sie ganz einfach getötet werden, weil niemand mehr an sie denkt. Und das nur, weil sie für unsere Werte wie Freiheit einstehen und kämpfen.
  • Zugang zu Bildung: Weltweit ist der Zugang für Mädchen zu Bildung nicht immer gegeben, existiert zum Teil nur auf dem Papier. In Afghanistan zum Beispiel hat die derzeitige Regierung bekannt gegeben, die Schulen für Mädchen nicht wieder zu öffnen. Oder erinnerst du dich noch an Malala Yousufzai, die in Pakistan von einem Talibankämpfer niedergeschossen wurde, weil sie sich öffentlich mit 15 Jahren für das Recht auf Bildung von Mädchen eingesetzt hatte? Ob Angst davor herrscht, dass Mädchen politische Gegebenheiten bzw. Machtverhältnisse und Rollenbilder hinterfragen könnten?
  • Abtreibung bleibt in Deutschland immer noch eine Straftat. Der §218 StGB existiert nach wie vor und kriminalisiert Abtreibungen bei ungewollten Schwangerschaften. Nur unter bestimmten Voraussetzungen ist sie straffrei. In anderen Ländern dürfen Frauen nur mit Zustimmung des Mannes abtreiben oder es ist generell verboten. Dadurch wird gefördert, dass Frauen unter lebensbedrohlichen Umständen eine Abtreibung durchführen lassen (in Zahlen: ca. 25Millionen Frauen weltweit). Da ist uns Frankreich mit seiner Gesetzesänderung Anfang März einen Meilenstein voraus.
  • Medizinische Erkenntnisse sowie die Dosierung von Medikamenten ist in der Regel auf Männer ausgelegt, wird aber bei Frauen analog angewandt. Es gibt keine Studien mit Probandinnen, obwohl bekannt ist, dass Frauen häufig eine andere medizinische Versorgung benötigen. Es ist allerhöchste Zeit für eine Frauenmedizin.
  • Gendern: In Bayern soll das Gendern in Schulen und Ämtern wieder abgeschafft werden. Ich frage mich: warum wird nicht das generische Femininum eingeführt? Das wäre doch schon längst an der Reihe. Für mich hört sich das eher nach Rückschritt an.
Christian Lue auf Unsplash

Diskriminierung von Menschen aus der queeren Szene, misogyne Äußerungen in der Öffentlichkeit, Rassismus, Rollenbilder in der Öffentlichkeit, geschlechterspezifisches Marketing, Diskriminierungen im Sport – die Liste lässt sich noch fortsetzen. Eine umfassende Sammlung rund um das Thema findest du hier. Genau aus den oben genannten Gründen brauchen wir den Weltfrauentag – immer noch und bis auf Weiteres. Und zwar nicht nur an einem Tag im Jahr, sondern an den restlichen 364 Tagen, an denen das Weltmännerjahr as usual stattfindet, genauso. Deswegen: Lasst uns alle Frauen in ihrer Vielfalt wertschätzen, feiern wir das diesjährige Motto:” “Inspire Inclusion” in Bezug auf Herkunft, Alter, Religion und Identität und zeigen uns weiterhin solidarisch und kämpferisch mit allen anderen Frauen dieser Welt.

Daher: es braucht weiterhin einen Weltfrauentag. Punkt!

2 Kommentare

  • Birgit+Buchmayer

    Liebe Anette,
    Danke, danke, danke !!!
    Ja, wir brauchen den Weltfrauentag – jeden Tag im Jahr. Es stimmt mich traurig und mach mich auch ein wenig wütend, dass sich bis heute so wenig geändert hat. Froh bin ich allerdings, dass Mädchen und Frauen in Deutschland und Europa Zugang zu Bildung haben. Doch auch hier ist noch Luft nach oben. Das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt ist nach meiner Kenntnis kein Thema in unseren Schulen.
    Es gibt viel zu tun. Lieben Gruß, Birgit

  • Nicole

    Liebe Anette,
    ja, das sehe ich genau wie du. In meinem Beitrag zum Weltfrauentag habe ich die meisten deiner Argumente auch genannt. Vieles von dem, was ich persönlich an Berührungspunkten mit dem alten Frauenbild habe/hatte, besser wurde, ist längst nicht alles gut. Es muss sich noch viel ändern, und schnell. Weitere 113 Jahre – das las ich gestern irgendwo – bis zur vollständigen Gleichberechtigung sind zu lang!
    Viele Grüße
    Nicole

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