
Welcher Konflikt hat mich weitergebracht?
Dr. Christa Schäfer ruft in ihrer Blogparade “Welcher Konflikt hat dich weitergebracht?” dazu auf, Konflikte, die bei uns etwas Großes in Gang gesetzt haben, näher anzuschauen.
Im Laufe unseres Lebens gibt es sicherlich eine Unmenge an Konflikten, mit denen wir unterschiedlich umgehen und die uns auch unterschiedlich weiter bringen. Manche bringen uns weiter – und einige zunächst überhaupt nicht: es gibt Konflikte, die laut sind. Menschen streiten, Türen knallen, Worte fallen, die sich nicht mehr zurückholen lassen. Und dann gibt es Konflikte, die lange beinahe unsichtbar bleiben, weil sie sich vor allem im Inneren abspielen. Mein vielleicht folgenreichster Konflikt gehörte zur zweiten Sorte.
Mein Zwiespalt
Auf der einen Seite stand mein Pflichtgefühl. Mein Anspruch, meine Arbeit gut zu machen, verlässlich zu sein, Verantwortung zu übernehmen und niemanden im Stich zu lassen. Auf der anderen Seite stand mein Körper, der mir immer deutlicher zeigte, dass es so nicht weitergehen konnte.
Lange habe ich diesen Konflikt nicht als solchen erkannt. Ich dachte, ich müsse mich einfach noch ein wenig mehr anstrengen, besser organisieren oder durchhalten. Rückblickend weiß ich: Es ging nie darum, dass ich nicht belastbar genug war. Ich hatte nur verlernt, meine eigenen Grenzen ernst zu nehmen.
Ich wollte meine Arbeit gut machen
Ich habe viele Jahre als Schulsozialarbeiterin gearbeitet und diese Arbeit nicht nur als Beruf verstanden. Sie war mir wichtig. Die Kinder und Jugendlichen waren mir wichtig, ebenso ihre Familien und die Menschen, mit denen ich im System Schule zusammenarbeitete.
Wenn man mit Menschen arbeitet, lässt sich Verantwortung nicht immer sauber am Ende des Arbeitstages ablegen. Manche Geschichten gehen mit nach Hause. Manche Gespräche beschäftigen einen noch am Abend. Manche Situationen lassen sich nicht einfach beenden, nur weil die Arbeitszeit vorbei ist. Manchmal muss auch der Göttergatte dafür herhalten, dass ich mir den Frust von der Seele reden konnte.
Hinzu kamen immer mehr Aufgaben, Verantwortung und Überstunden. Mehr als 300 Überstunden hatten sich angesammelt. Und das, obwohl ich in Teilzeit arbeitete. Eigentlich hätte allein das schon ein deutliches Warnsignal sein müssen. Für mich waren sie damals jedoch vor allem der Beweis, dass viel zu tun war und ich gebraucht wurde. Ein Abbau war nach Auffassung meines Schulleiters nur stundenweise möglich, also in die Schule kommen und ein, maximal zwei Stunden früher gehen. Das war seine Vorstellung. Das Ergebnis? In der verbliebenen Zeit versuchte ich alles reinzupacken, was ich sonst in der “normalen” Arbeitszeit erledigt hätte, fühlte ich doch eine Verpflichtung meinen Schüler:innen gegenüber. Zudem arbeitete ich bedarfsorientiert. Böse Falle! Ich stellte nicht grundsätzlich infrage, ob all das noch gesund sein konnte. Stattdessen fragte ich mich, wie ich es trotzdem schaffen könnte.
Genau darin lag ein Teil meines Konflikts: Ich hielt mein Durchhalten für Verantwortungsbewusstsein.
Wenn Verantwortung zur Selbstüberforderung wird
Besonders belastend war eine Situation, in der ich trotz meiner Schweigepflicht gegenüber meinen Schüler:innen als Zeugin vor Gericht aussagen sollte. Ich geriet in einen Konflikt zwischen unterschiedlichen Pflichten, Erwartungen und Loyalitäten: Was war richtig? Was durfte ich sagen? Wem war ich verpflichtet? Was bedeutete professionelle Verantwortung in dieser Situation?
Solche Fragen lassen sich nicht einfach abschütteln. Sie greifen das eigene berufliche Selbstverständnis an. Gerade wenn man seine Arbeit ernst nimmt, kann ein solcher Konflikt tief gehen.
Gleichzeitig kamen weitere Belastungen hinzu. Der Umgang mit mir am Arbeitsplatz, die vielen Überstunden, schwierige familiäre Situationen und mein eigener Anspruch, weiterhin zu funktionieren. Ich versuchte, alles zusammenzuhalten und irgendwie zu bewältigen. Dabei übersah ich, dass ich selbst längst auseinanderzufallen begann.
Oder vielleicht habe ich es nicht ganz übersehen. Wahrscheinlich habe ich es eher kleingeredet.
Ich war erschöpft, aber schließlich waren andere Menschen auch erschöpft. Ich war nahe am Wasser gebaut, aber vielleicht war ich einfach empfindlicher geworden oder die Fälle waren belastender. Ich fühlte mich leer und zeitweise wie betäubt, doch statt darin ein Warnsignal zu erkennen, versuchte ich, noch besser zu funktionieren und Zeitmanagementstrategien umzusetzen.
Manchmal erkennen wir eine Grenze durchaus. Wir halten nur nicht an ihr an.
Der eigentliche Konflikt fand in mir statt
Heute sehe ich klarer, dass der Konflikt nicht nur zwischen mir und meinem Arbeitgeber oder zwischen unterschiedlichen beruflichen Anforderungen bestand. Der eigentliche Konflikt fand in mir statt.
Ein Teil von mir wusste längst, dass es zu viel war. Ein anderer Teil erklärte mir, dass ich weitermachen müsse. Wie eine dominante Stimme in meinem Kopf, die sich über alles hinwegsetzte. Hatte ich nicht gelernt, zuverlässig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und mich anzustrengen? Schätzte man mich in meiner Arbeit deswegen? Alles Eigenschaften, die grundsätzlich wertvoll sind. Schwierig werden sie dort, wo sie keine Begrenzung mehr haben.
Aus Verlässlichkeit kann Selbstausbeutung werden. Aus Verantwortungsbewusstsein kann das Gefühl entstehen, für alles zuständig zu sein. Und aus Durchhaltevermögen kann die Unfähigkeit werden, rechtzeitig aufzuhören.
Damals hätte ich vermutlich vehement widersprochen, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich meine Grenzen überschritt. Schließlich erledigte ich meine Arbeit noch. Ich stand morgens auf. Ich erschien zuverlässig. Ich funktionierte. Meine Durchhalteparolen waren 1a! Es kamen doch die Sommerferien (oder welche Ferien auch immer), dann hätte ich genug Zeit, mich zu erholen. Bis dahin sollte es doch noch gehen. Genau das machte es so gefährlich.
Mein Körper zog die Grenze
Irgendwann ging es nicht mehr.
Mein Körper und meine Psyche übernahmen die Entscheidung, die ich selbst nicht getroffen hatte. Ich konnte nicht einfach noch ein wenig weitermachen. Ich musste aussteigen. Der Burnout, der folgte, fühlte sich zunächst nicht wie eine hilfreiche Entwicklung an. Er fühlte sich wie Scheitern an. Wie Kontrollverlust. Wie der Beweis, dass ich nicht stark genug gewesen war.
Erst sehr viel später konnte ich erkennen, dass dieser Zusammenbruch auch eine Grenze markierte. Bis hierhin und nicht weiter. Eine Grenze, die viel früher hätte gezogen werden müssen, die ich aber lange nicht ziehen konnte oder wollte. Vielleicht hatte ich auch nie gelernt, dass eine Grenze nicht erst dann berechtigt ist, wenn gar nichts mehr geht.
Heute weiß ich, dass Grenzen nicht das Gegenteil von Engagement sind. Sie sind seine Voraussetzung. Wer sich dauerhaft selbst übergeht, kann auf lange Sicht auch für andere nicht verlässlich da sein.
Ein Rest meines Sozialpädagogengehirns arbeitete noch für mich und sagte mir, dass ich mir schnell und ganz dringend Hilfe suchen müsste. Ein anderer Teil meuterte: “Wieso ich? Ich helfe doch anderen”. Letztendlich siegte die erste Stimme.
Grenzen zeigen sich früher
Wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, frage ich mich, welche Signale ich früher hätte ernst nehmen können.
Die vielen Überstunden waren eines davon. Ebenso die ständige innere Anspannung, das Gedankenkreisen und die Unfähigkeit, nach der Arbeit wirklich abzuschalten. Auch die Erschöpfung, die Leere und das Gefühl, nur noch zu funktionieren, waren keine Nebensächlichkeiten. Und da waren ja noch die “langen Ferien”, in denen ich mich überhaupt nicht mehr richtig entspannen und erholen konnte. Zwei Tage nach den Ferien fragte ich mich schon: “Ferien? Was war das gleich noch mal?”
Eine Grenze kündigt sich oft lange an, bevor wir endgültig an ihr ankommen. Sie zeigt sich vielleicht darin, dass wir gereizter werden. Dass wir schlechter schlafen. Dass wir Pausen auslassen, weil dafür angeblich keine Zeit ist. Dass wir Bewegung und gesunde Ernährung reduzieren oder ganz einstellen. Dafür ist später immer noch Zeit. Dass wir Dinge, die uns früher Freude gemacht haben, zunehmend als zusätzliche Belastung empfinden.
Manchmal zeigt sie sich auch in Zynismus. Wenn Mitgefühl in Härte umschlägt, wenn wir innerlich abwertend reagieren oder nur noch denken: „Dann sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen“, kann das ein Zeichen dafür sein, dass unsere Kraft nicht mehr reicht.
Das macht uns nicht zu schlechten Menschen. Es kann bedeuten, dass wir zu lange zu viel getragen haben.
Der Konflikt prägte meinen weiteren Weg
Ich hätte mir gewünscht, diese Erkenntnisse ohne einen Burnout zu gewinnen. Doch manchmal lernen wir erst im Rückblick, was eine Situation uns gezeigt hat.
Nach meinem Zusammenbruch begann ich, mich intensiv mit Stress, Gesundheit und Burnoutprävention zu beschäftigen. Ich absolvierte eine Ausbildung zur Gesundheitspädagogin und setzte mich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich mit der Frage auseinander, warum Menschen ihre Grenzen so häufig erst erkennen, wenn sie bereits weit darüber hinausgegangen sind.
Ich lernte, Warnsignale anders zu deuten. Ich begann zu verstehen, dass Stress nicht allein durch äußere Anforderungen entsteht, sondern auch dadurch, wie wir mit ihnen umgehen, welche Erwartungen wir an uns selbst stellen und welche Verantwortung wir übernehmen, obwohl sie gar nicht vollständig bei uns liegt.
Vor allem lernte ich, dass das Wahrnehmen einer Grenze noch lange nicht bedeutet, sie auch zu respektieren. Eine Grenze zu erkennen ist der erste Schritt. Danach braucht es den Mut, entsprechend zu handeln. Das kann bedeuten, Nein zu sagen. Unterstützung einzufordern. Aufgaben abzugeben, eine Entscheidung zu treffen, die andere vielleicht enttäuscht. Oder sich einzugestehen, dass man nicht mehr kann, obwohl man gerne noch könnte.
Erkennen schützt nicht immer
Heute bemerke ich meine Grenzen früher als damals. Ich erkenne Warnsignale schneller, kann Zusammenhänge besser einordnen und weiß viel mehr darüber, was dauerhafte Überforderung mit einem Menschen macht.
Trotzdem bin ich derzeit erneut an einem Tiefpunkt angekommen, an dem ich merke, dass ich nicht mehr kann. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht widersprüchlich. Schließlich könnte man meinen, dass jemand, der seine Grenzen kennt und sich beruflich intensiv mit Stress und Burnout beschäftigt hat, vor einer erneuten Krise geschützt sein müsste.
Doch so einfach ist es nicht.
Wissen schützt nicht automatisch. Erfahrung macht nicht unverwundbar. Das wäre echt schön. Auch wer seine Grenzen früher erkennt, kann in Situationen geraten, in denen Belastungen zu lange andauern, Handlungsspielräume fehlen oder die eigene Kraft nicht mehr ausreicht, um rechtzeitig gegenzusteuern.
Der Unterschied zu früher liegt für mich nicht darin, dass ich jede Krise verhindern kann. Er liegt darin, dass ich heute besser verstehe, was mit mir geschieht. Ich muss mir nicht mehr zusätzlich vorwerfen, versagt zu haben oder mich nur nicht genug angestrengt zu haben.
Ich weiß heute: Eine depressive Phase ist kein Beweis dafür, dass ich nichts gelernt habe. Sie zeigt auch nicht, dass all meine Erfahrungen und Ausbildungen nutzlos waren. Sie zeigt, dass Menschen verletzlich bleiben – selbst dann, wenn sie viel über sich wissen.
Vielleicht besteht Weiterentwicklung deshalb nicht darin, nie wieder zu fallen. Vielleicht besteht sie manchmal darin, früher zu bemerken, dass man fällt, sich Unterstützung zu holen und sich nicht auch noch dafür zu verurteilen.
Welche Grenze bemerkst Du gerade?
Der Konflikt vor meinem ersten Burnout hat mich weitergebracht, weil er meinen Blick auf Verantwortung, Stärke und Selbstfürsorge grundlegend verändert hat.
Ich habe verstanden, dass es keine besondere Auszeichnung ist, besonders lange über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Dass Durchhalten nicht in jeder Situation mutig ist. Und dass eine Pause nicht erst dann erlaubt ist, wenn der Körper sie erzwingt. Zudem ist mein Verständnis für Menschen in ähnlichen Situationen und für psychische Erkrankungen noch gewachsen.
Vielleicht kennst Du ebenfalls Situationen, in denen ein Teil von Dir längst weiß, dass es zu viel ist, während ein anderer Teil darauf besteht, weiterzumachen. Dann lohnt es sich, genauer hinzuhören und hinzuschauen:
Welche Signale sendet Dir Dein Körper? Welche Aufgabe trägst Du, obwohl sie vielleicht gar nicht allein Deine ist? An welcher Stelle wäre es möglich, eine Grenze zu setzen, bevor Du an ihr zusammenbrichst?
Ich habe meine Grenzen damals viel zu spät erkannt. Dennoch hat mich genau dieser Konflikt weitergebracht. Denn Grenzen früher zu erkennen bedeutet nicht, jede Krise verhindern zu können – aber es verändert, wie ich mit mir umgehe, wenn sie eintritt.
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