
Welttag der psychischen Gesundheit: wozu eigentlich?
Weniger urteilen. Mehr verstehen.
Am 10. Oktober war der Welttag der psychischen Gesundheit. Ein Tag voller Kampagnen, Veranstaltungen, gut gemeinter Ratschläge und Beiträge in den sozialen Medien. Überall wird daran erinnert, wie wichtig unsere mentale Gesundheit ist.
Aber was ist am 11. Oktober? Business as usual? Es geht alles weiter wie bisher? Versteh mich nicht falsch. Ich finde es ausgesprochen wichtig, dass wir über psychische Gesundheit sprechen. Aber manchmal frage ich mich, was von all diesen Aktionstagen tatsächlich hängen bleibt. Über psychische Gesundheit zu reden ist das eine. Psychische Erkrankungen wirklich ernst zu nehmen, ist etwas anderes.
Robert Enke – die Depression bekommt ein Gesicht
Als sich der ehemalige Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 das Leben nahm, wurde plötzlich öffentlich über Depressionen gesprochen. Es stellte sich als eine Erkrankung dar, die man einem erfolgreichen, beliebten Sportler nicht unbedingt angesehen hatte. Seitdem haben sich weitere Prominente zu ihren psychischen Erkrankungen bekannt. Menschen wie Nora Tschirner oder Kurt Krömer sprechen offen über ihre Erfahrungen mit Depressionen. Das finde ich unglaublich wichtig, denn solche Geschichten können helfen, Vorurteile abzubauen und anderen Betroffenen Mut zu machen.
Aber ich frage mich auch: Brauchen psychische Erkrankungen erst ein prominentes Gesicht, damit wir sie ernst nehmen? Was ist denn mit der Kollegin, die seit Wochen kaum noch schläft? Oder mit dem Familienmitglied, das sich immer mehr zurückzieht? Oder aus meiner Arbeit: was ist mit dem Schüler, der plötzlich nicht mehr (mit) kommt?
Sehen wir dort genauso genau hin?
Seele trifft auf Schule – was wir sehen und was dahintersteckt
Während meiner Zeit an der Schule habe ich regelmäßig das Projekt „SEELE trifft auf Schule“ des Vereins HfpK in Bonn vorbereitet und ganztägig begleitet. Es geht mit dem Projekt darum, Schüler:innen der Mittel- und Oberstufe psychische Erkrankungen verständlicher zu machen, Vorurteile abzubauen und zu zeigen, wo es Unterstützung gibt. Dabei gibt es neben einem Fortbildungsangebot für Pädagog:innen vorab immer einen Elternabend (so besucht, wie andere Elternabende auch) und die Schüler:innenveranstaltung, das Herzstück des Projektes. Für mich ist das Besondere daran der sogenannte Trialog: Drei Perspektiven kommen zusammen. Ein Mensch, der selbst psychisch erkrankt ist, ein:e Angehörige:r und eine Fachperson aus der Psychiatrie berichten von ihren Erfahrungen. Die Theorie, worüber wir sprechen, wenn wir über psychische Erkrankungen reden, wird häufig so hingenommen, je nachdem, wie sie vorgestellt wird. Aber bei den Erfahrungen des / der Betroffenen wird es immer ganz ruhig unter den Schüler:innen und es wird häufig nachgefragt.
Mir war es immer wichtig, die Schülerinnen und Schüler gut auf diesen Tag vorzubereiten und ihn so zu begleiten, dass sie bei Bedarf aufgefangen werden und möglichst viel daraus mitnehmen konnten. Denn psychische Erkrankungen sind nichts, was nur irgendwo anders stattfindet.
Wie wichtig es ist, genauer hinzuschauen, habe ich auch außerhalb dieses Projekts erlebt: Da war beispielsweise ein Schüler, der durch hohe Fehlzeiten auffiel. Seine Mutter wurde an mich verwiesen, und wir kamen gemeinsam ins Gespräch. Dabei wurde deutlich, dass hinter den Fehlzeiten viel mehr steckte als mangelnde Motivation. Der junge Mann war an einem Punkt angekommen, an dem er am liebsten alles hingeworfen hätte.
Oder eine jüngere Schülerin, die häufig zu spät kam, ungepflegt wirkte und sich auffällig verhielt. „Verlottert“, so die Beschreibung einer Lehrerin. Auch sie wurde zu mir geschickt. Im Gespräch zeigte sich, wie groß ihre seelische Not tatsächlich war. Sie verletzte sich selbst und kämpfte immer wieder mit Suizidgedanken.
Zwei junge Menschen, zwei völlig unterschiedliche Lebenssituationen.
Und zunächst sah man vor allem eines: ein Verhalten, das nicht den Erwartungen entsprach: hohe Fehlzeiten, Unpünktlichkeit, Rückzug in der Klassengemeinschaft oder ein auffälliges Erscheinungsbild. Aber was steckte dahinter?
Weniger urteilen. Mehr verstehen.
Nicht jede Fehlstunde ist Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Vielleicht hat ein Schüler tatsächlich keine Lust mehr auf Schule. Aber warum eigentlich nicht? Ist er überfordert, unterfordert? Wird er ausgegrenzt? Gemobbt? Hat er Angst zu versagen? Gibt es Probleme zu Hause? Hat er eine oder mehrere Nächte “durchgezockt? Oder hat er schlicht den Sinn dessen verloren, was er jeden Tag tun soll? Auch Schulunlust hat Gründe, die es verdienen, ernst genommen zu werden.
Dasselbe gilt für auffälliges Verhalten, mangelnde Motivation oder häufiges Zuspätkommen.
Wir sehen, wie sich ein Mensch verhält. Aber wissen wir auch, warum?
Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche auch durch psychische Erkrankungen innerhalb ihrer Familie belastet sein können. Vielleicht ist es gar nicht das Kind selbst, das erkrankt ist, sondern ein Elternteil. Was bedeutet es für ein Kind, wenn die Mutter an einer Depression leidet? Wenn der Vater aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht so für die Familie da sein kann, wie er gerne möchte? Wie viel davon bekommen wir in der Schule überhaupt mit?
Natürlich können und sollen Lehrkräfte keine Diagnosen stellen. Aber sie können Veränderungen wahrnehmen, Gespräche ermöglichen und professionelle Unterstützung vermitteln. Gerade bei Selbstverletzungen oder Suizidgedanken ist es wichtig, die Not ernst zu nehmen und schnellstmöglich fachliche Hilfe einzubeziehen. Notfalls auch einen Rettungswagen holen, der die betroffene Person in die Klinik bringt.
Vielleicht sollten wir weniger Energie darauf verwenden, Verhalten vorschnell zu bewerten, und mehr darauf, es zu verstehen. Denn erst wenn wir die Hintergründe kennen, können wir sinnvoll unterstützen.
Wenn der Rücken schmerzt und die Psyche mitredet
Aber dann gibt es noch die körperliche Seite: Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schlafstörungen, ständige Verspannungen, um nur einige zu nennen. Natürlich können all diese Beschwerden körperliche Ursachen haben und gehören gegebenenfalls medizinisch abgeklärt. Aber wie häufig fragen wir auch nach psychischen Belastungen? Was ist mit dem Stress, der uns seit Monaten begleitet? Mit den Sorgen und Gedankenkarussellen, die uns nachts wachhalten? Was ist mit dem Gefühl, ständig funktionieren zu müssen? Sich keine Schwäche erlauben zu dürfen?
Körper und Psyche beeinflussen sich gegenseitig. Dauerhafte psychische Belastungen können körperliche Beschwerden auslösen oder verstärken. Umgekehrt können chronische Schmerzen auch psychisch enorm belasten. Trotzdem betrachten wir beides noch häufig getrennt. Vielleicht liegt das auch daran, dass es gesellschaftlich immer noch leichter ist, zu sagen „Ich habe Rücken“ als „Mir geht es psychisch nicht gut“. Dabei ist beides real. Beides kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Gleichzeitig verdient es beides, ernst genommen zu werden.
Wir reden über Selbstfürsorge. Aber was ist mit den Bedingungen?
Achtsamkeit, Resilienz, Selfcare, Work-Life-Balance. Begriffe, die inzwischen fast jeder kennt und die uns teilweise schon zu den Ohren heraushängen. Wir sollen auf unsere Bedürfnisse achten, genug und gut schlafen, Grenzen setzen, uns ausreichend bewegen, gesund ernähren und regelmäßig entspannen. Alles richtig. Vieles davon kann tatsächlich helfen. Aber ich finde, wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Verantwortung für psychische Gesundheit ausschließlich beim Einzelnen selbst abladen.
Gerade in sozialen und pädagogischen Berufen erlebe ich immer wieder, wie Menschen über ihre Grenzen gehen. Warum? Weil sie gebraucht werden oder die Kolleginnen und Kollegen sonst noch mehr übernehmen müssen. Weil sie niemanden im Stich lassen wollen. Weil sie mit Schüler:innen einen Weg aus deren akuter Problematik gehen wollen. Und dann sollen sie noch lernen, resilienter zu werden?
Manchmal braucht es nicht noch ein Entspannungstraining, sondern bessere Arbeitsbedingungen. Oder professionelle therapeutische Hilfe, für die es immer schwieriger wird, einen Platz zu bekommen, wenn sie benötigt wird. Manchmal braucht es schlicht Menschen, die zuhören, ohne gleich mit einem guten Ratschlag um die Ecke zu kommen. Nicht alles lässt sich wegatmen. Nicht jede psychische Erkrankung lässt sich durch eine veränderte innere Haltung überwinden. Gut gemeinte Ratschläge und Äußerungen sind oft nicht hilfreich.
Wir reden über mentale Gesundheit. Aber dürfen wir auch psychisch krank sein?
Ich habe den Eindruck, dass wir inzwischen sehr viel offener über mentale Gesundheit sprechen. Solange es um Stressbewältigung, Achtsamkeit oder Selbstoptimierung geht, ist das Thema gesellschaftlich durchaus angekommen. Aber was passiert, wenn jemand tatsächlich psychisch erkrankt? Wenn aus Stress eine ernsthafte Erschöpfung wird? Oder wenn eine Depression diagnostiziert wird? Was ist, wenn jemand über längere Zeit nicht mehr arbeiten kann?
Bei einem gebrochenen Bein fragt kaum jemand, warum man nicht einfach trotzdem zur Arbeit geht. Bei einer Depression sieht das manchmal anders aus. Da kommen sie dann um die Ecke, diese Äußerungen: “Du siehst doch gar nicht krank aus.” “Vielleicht brauchst Du einfach mal Urlaub.” “Du musst nur wieder positiver denken.” “Nach Regen folgt Sonnenschein.”
Gut gemeint? Ich denke, meist schon. Hilfreich? Eher selten. Denn eine psychische Erkrankung verschwindet nicht dadurch, dass man sich zusammenreißt. Auch wenn wir heute offener darüber sprechen, scheint es vielen Menschen noch immer schwerzufallen, sich selbst oder anderen eine psychische Erkrankung zuzugestehen. Vielleicht auch, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Leistungsfähigkeit einen so hohen Stellenwert hat. Stress als Statussymbol begegnet mir in meiner Coachingtätigkeit immer wieder. Aber Hauptsache, wir funktionieren.
Wozu also dieser Welttag?
Vielleicht brauchen wir ihn tatsächlich. Aber nicht, um uns einmal im Jahr daran erinnern zu lassen, dass wir mehr Pausen machen oder besser auf uns achten sollten. Vielmehr, um Fragen zu stellen, die unbequem sind:
Warum fällt es uns so schwer, psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen wie körperliche?
Warum erkennen wir manchmal erst spät, wie sehr seelische Belastungen auch den Körper beeinflussen können?
Warum erwarten wir von Menschen, dass sie funktionieren, selbst wenn sie längst an ihre Grenzen gekommen sind?
Warum bewerten wir so schnell das Verhalten anderer, ohne zu wissen, was dahintersteckt? Ein der wichtigsten Fragen!!
Das Projekt „SEELE trifft auf Schule“ hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, überhaupt erst einmal ins Gespräch zu kommen. Menschen erzählen ihre Geschichten. Schüler:innen hören zu und stellen ihre Fragen. Vorurteile können ins Wanken geraten. Vielleicht beginnt Veränderung genau dort. Nicht mit dem nächsten Ratschlag zur Selbstoptimierung, sondern mit echtem Interesse am Gegenüber. Mit der Bereitschaft, zuzuhören, statt vorschnell zu urteilen. Und vielleicht auch mit der Erkenntnis, dass psychische Erkrankungen jeden treffen können. Unabhängig von Alter, Beruf, Erfolg oder gesellschaftlicher Stellung.
Der Welttag ist vorbei. Die Menschen, die psychisch erkrankt sind, brauchen aber weiterhin Verständnis, Unterstützung und angemessene Behandlung.
Nicht nur am 10. Oktober, sondern an den anderen 364 Tagen ebenso.
Vielleicht brauchen wir den Welttag der psychischen Gesundheit nicht, damit wir einmal im Jahr über psychische Erkrankungen sprechen. Sondern damit wir an den anderen 364 Tagen endlich genauer hinsehen.
Weniger urteilen. Mehr verstehen.
Wenn du Hilfe brauchst
Mittlerweile gibt es ziemlich viele Hilfen, egal ob im Netz oder telefonisch. Eigentlich ist es völlig egal, wo du anrufst. Sollte es nicht passen, dann wirst du entsprechend weitergeleitet. Ich mache es mir hier einfach und verweise auf die Sammlung des Vereins hfpk, der das Projekt “Seele trifft auf Schule” bei uns durchführt. Alles, was dort als regionale Hilfen aufgeführt ist, gibt es meist als Pendant auch in deiner Stadt. Oder du rufst dennoch in Bonn an. Die Einrichtungen sind größtenteils untereinander vernetzt und können dir sicher weiterhelfen. Hier gelangst du zur “Hilfesammlung”: https://hfpk.de/hilfsangebote-im-netz-und-am-telefon.
Auch in den sozialen Medien findest du immer wieder Informationen und Anregungen. achte darauf, dass diese Infos verlässlich sind. Ich kann dir z.B. die Organisation “Stark gegen Depression” auf Instagram empfehlen.
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