Persönliches,  Stressmanagement

Eine Buchrezension: Tara-Louise Wittwer “Sorry, aber…”

Ich bin ein erklärter Fan von Tara-Louise Wittwer, seit mich das Tochterkind auf Taras Instagram Account “Was Tara sagt“aufmerksam gemacht hat. Unter anderem nimmt sie in ihrem Format, “TicToxic”, Videos auseinander, die frauenfeindlich, diskriminierend und / oder schädliche Einflüsse auf das Verhalten junger Menschen haben (können). Ich finde ihre Art des Feminismus erfrischend und hoffe, dass sie ganz viele Menschen erreicht.

Anfang Mai fand in Köln eine Lesung zu ihrem neuen Buch statt. Nicht lange gezögert habe ich Karten ergattert (die im übrigen ratzfatz ausverkauft waren) und bin neugierig hingegangen. Ich erlebte eine lebensfrohe, 33-jährige junge Frau, die mit viel Humor und Augenzwinkern aus ihrem Buch vorlas. Zeitweise ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder innerlich nickte. Also entschied ich mich, ihr Buch zu kaufen und schließlich eine Rezension darüber schreiben. Long story short: hier ist die Buchrezension zu Tara-Louise Wittwers neuestem Buch “Sorry, aber…. Eine Verzichtserklärung an das ständige Entschuldigen”

Ein paar Eckdaten

Zur Autorin

Tara-Louise Wittwer wurde 1990 geboren. Nach dem Abitur studierte sie Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Literatur. Bekannt wurde sie mit ihrem Instagram Account wastarasagt, den sie gemeinsam mit ihrem Unternehmen 2019 ins Leben gerufen hat. Auf ihren Kanälen in social media behandelt sie in erster Linie Themen wie Feminismus, toxische Männlichkeit, Identität, Misogynie, Diskriminierung. Bekannt ist ihr Format “TikToxic” (s.o.). Im neuesten Format “What men made me do” berichtet sie von Erfahrungen ihrer Followerinnen, die teilweise so absurd sind, dass es schon wehtut und man sich fragt, ob wir (Frauen) alle so sozialisiert wurden.

2023 wurde sie für ihr Format TikToxic bei der Verleihung der Goldenen Blogger als beste Bloggerin Deutschlands ausgezeichnet.

Bücher

Das Buch “Sorry, aber…” ist das vierte Buch von Tara-Louise Wittwer. Die ersten beiden heißen “Himbeerbrause und Melancholie: Über das Leben und was währenddessen passiert.” sowie “Du bist Gift für mich: Wie du lernst, aus toxischen Beziehungsmustern auszubrechen und dich wieder selbst zu lieben.”

Mit ihrem dritten Buch “Dramaqueen. Frauen zwischen Beurteilung und Verurteilung”schaffte sie es bereits auf Platz drei der Spiegel Bestsellerliste. Darin klärt sie über die Konzepte von Misogynie, über internalisierte Misogynie und deren unterschiedliche Erscheinungsformen auf. Dabei geht es ihr um die Offenlegung, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen untereinander sich frauenfeindlich behandeln und beurteilen.

Gut 1,5 Jahre später erschien jetzt Anfang Mai ihr neuestes Buch “Sorry, aber…”, passend zum Start ihrer Lesungstour. Es ist wieder ein Sachbuch in der Kategorie Feminismus.

Inhalt

Im neuesten Buch analysiert sie die unterschiedliche Entschuldigungskultur von Männern und Frauen und stellt fest, dass sich Frauen ständig entschuldigen, während Männer, wenn sie sich entschuldigen, es selten so meinen.Tara sieht einen der wichtigsten Gründe sowohl in der Erziehung wie auch in der Geschichte (ja, sie macht auch einen historischen Ausflug). Frauen werden so sozialisiert, dass sie nicht viel Platz einnehmen (dürfen) und wenn sie sich den einmal holen, dann müssen sie sich vermeintlich ständig entschuldigen.

Tara bringt viele eigene Beispiele und Erlebnisse, schaut aber auch über ihren eigenen Tellerrand zu Prominenten wie Taylor Swift, die sich einmal für einen emotionalen Ausbruch im Interview entschuldigte (Warum?).

Weiterhin setzt sie sich aber auch mit dem Thema “People pleasing” auseinander (die Pick-Me-girls waren ja schon in “Dramaqueen” dran). Sie stellt fest, dass sich People Pleaser eher wenig entschuldigen, da sie es ja gar nicht erst so weit kommen lassen wollen, dass sich jemand an ihnen oder ihrem Verhalten stört.

Schließlich beschäftigt sich Tara auch mit den Entschuldigungen großer Marken oder weiterer Prominenter. Sie fragt sich (und uns Leser:innen), ob deren Entschuldigungen überhaupt ernst gemeint waren oder eher der Kapitalismus (dass die Marke nicht mehr gekauft wird) oder ein “Canceling“, also ein Nichtbeachten, eine Rolle spielte. Kann eine solche Entschuldigung überhaupt ernst gemeint sein?

Letztendlich kommt Tara zum Bewusstsein, dass sie sich selbst bisher für alles Mögliche entschuldigt und sich letztendlich dadurch kleingemacht hat. Ihr Buch ist eine persönliche Reflexion, das durch seine vielfältigen Erlebnisse deutlich macht, um was es ihr geht. Sie regt an, über antrainiertes bzw. sozialisiertes Entschuldigungsverhalten nachzudenken und dieses zu verändern. Sie will mit ihrem Buch kein Manifest gegen das Entschuldigen kreieren. Es geht ihr vielmehr darum, ein Bewusstsein für das Entschuldigen zu entwickeln, und es nur dann zu tun, wenn es auch wirklich so gemeint (und gefühlt) wird.

Sprache

Tara-Louise Wittwer hat einen eigenen persönlichen Schreibstil mit viel Humor, immer einem Augenzwinkern, einem gewissen Sarkasmus gepaart mit Fachwissen, eigenen Erlebnissen, Analysen, historischem Hintergrund, der nicht trocken wirkt, sondern einen eher dazu animiert, das Buch ziemlich zügig bis zum Ende durchzulesen und sein eigenes Verhalten zu reflektieren.

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch

“Sorry, dass ich zu laut bin, während ich versuche, mich zu erklären.

Sorry, dass ich mich erklären will.

Sorry, dass ich eine Furie bin, während ich versuche, leiser zu sein, damit du dich nicht von meinen Emotionen gestört fühlst.

Sorry, dass ich Emotionen habe und diese zu komplex wirken, sobald sie mehr als “traurig, sauer, glücklich ” sind.

Sorry, dass ich zu laut weine, ich versuche leiser, unglücklich zu sein.

Sorry, dass ich versuche, durchs Leben zu kommen.

Sorry, dass ich mich zerrissen fühle, ich reisse mich jetzt zusammen.

Sorry, dass ich müde bin, sorry, dass ich wach bin.

Sorry, dass du mich falsch verstanden hast, ich habe es anders gemeint und eigentlich auch anders gesagt, aber das liegt sicher an mir.

Sorry, dass es an mir liegt, wer ich bin.

Sorry, dass ich so viel bin, sorry, dass ich bin.

Sorry, dass ich nicht anders bin.

Sorry, dass ich nicht so anders bin, dass es dir gefällt.

Sorry, dass ich mir nicht gefall. ich weiß nicht wie.

Sorry, dass ich sorry gesagt habe, Entschuldigung, ich lass es.

Sorry, dass ich dich nicht gelassen habe, sorry, dass ich mich hab gehen lassen, sorra, hätte ich dich gehen lassen sollen?

Sorry, ich müsste mehr gehen, 10.000 Schritte am Tag mindestens.

Sorry, dass ich so ungesund lebe.

Sorry, sorry, sorry, mindestens 10.000-mal am Tag.

Sorry, sorry, sorry, noch 9973-mal.”

(aus Tara-Louise Wittwer, “Sorry, aber…”, S. 106 und 107, Knaur-Verlag Mai 2024)

Es gibt auch einen Trailer, der in der Lesung abgespielt wurde und einen guten Einblick in das Thema ihres Buches vermittelt.

Tara bei der Lesung

Was bedeutet das Buch für mich?

Tara-Louise Wittwer hat mich bereits mit ihren Formaten auf ihrem Instagram Account #wastarasagt fasziniert. Mich hat es jedesmal aufs Neue erschreckt, wenn sie ein ernstgemeintes Video von irgendwelchen sogenannten Dating-Gurus, Alpha-Männern oder vermeintlichen Beziehungsverstehern entlarvt und kommentiert hat. Manchmal saß ich vor meinem Laptop und habe mich gefragt, wie diese Männer – und zum Teil auch Frauen – zu einer solchen Einschätzung kommen und ob das wirklich ernst gemeint ist. Daher war ich sehr gespannt auf die Lesung zum Buch “Sorry, aber…”. Ich erlebte eine junge Frau, die mir so sehr aus der Seele sprach. Teilweise fühlte ich mich ertappt, wenn ich Verhaltensweisen erkannte, die ich auch drauf habe.

Als ich das Buch gelesen hatte – im übrigen in einem Rutsch – war ich beeindruckt: zum einen von der Vielzahl der eigenen Erlebnisse, die Tara beschreibt. Dadurch konnte ich mich mit vielen Situationen identifizieren und sie hinterfragen. Ihre Analyse einiger Situationen in der Öffentlichkeit wie z.B. der BP-Skandal, der Fall Balenciaga war Anlass für mich zu hinterfragen, wieviele der “großen, öffentlichen” Entschuldigungen reine Manipulation sind, damit ein schiefes Bild in der scheinbar wieder gerade gerückt wird und das Business as usual weiter läuft.

Oder aber der historische Abriss, wie Frauen, die zuviel Platz für sich einnahmen, öffentlich dafür bestraft wurden und büßen mussten. Der historische Hintergrund der Entschuldigungen wurde mir so nochmals vor Augen geführt. Kein Wunder, dass Frauen immer noch so sozialisiert sind, wie sie es nun mal sind.

Ebenso interessant fand ich Taras “Abhandlungen” zum Thema Entschuldigungen generell: Warum und wann entschuldige ich mich? Darf ich eine Entschuldigung auch ablehnen? Was will ich mit meiner Entschuldigung erreichen? Mich vom Schuldgefühl befreien, also ent-schuldigen, oder weil ich eingesehen habe, dass ich einen Fehler gemacht habe und mir dieser tatsächlich leid tut? Muss ich um Entschuldigung bitten? Und muss ich mich auch für Dinge entschuldigen, für die ich mich eigentlich gar nicht entschuldigen müsste (z.B. wenn ich sehr emozional bin)? Wirken Entschuldigungen unter Tränen mehr? (sorry für die häufige Wortwiederholung!)

Ein weiteres Kapitel hat mich persönlich als Coachin für Stressmanagement natürlich sehr interessiert: Das People Pleasing (S. 75 ff). Immer und überall es allen recht machen und gefallen wollen, so dass nie eine Situation entstehen kann, in der ich mich entschuldigen muss, weil ich vorher ja schon alles getan und mich zerrissen habe, dass sie nicht entsteht. Aus dieser Dauerschleife rauszukommen, ist so schwierig.

Tara hat auch in der Lesung betont, dass ihr Buch autobiografisch ist. Trotzdem lässt sie mich als Leserin nicht mit dem Gefühl zurück, ich dürfte mich ab jetzt nicht mehr entschuldigen. Ich darf mich aber von ihren Erlebnissen anregen lassen, meine eigene Situation zu reflektieren und zu überlegen, ob und was ich verändern möchte – und zwar in meinem eigenem Termpo. Sie sagt nicht, wie ich etwas zu machen habe, gibt am Ende jedoch den Hinweis, einfach selbst zu sein. Sie nennt es “Unapologetically self”. Also sich nicht mehr dafür zu entschuldigen, wie und dass man einfach da ist, solange man niemanden verletzt, diskriminiert oder beleidigt. In ihrer Danksagung am Ende (S. 185 ff) gibt sie noch Beispiele, wie jede:r von uns die eigene Perspektive verändern kann und Entschuldigungen hinfällig werden. Denn letztendlich muss ich mich nur vor mir selbst verantworten, vor niemanden sonst. Mit mir muss ich im Reinen sein und am Ende des Tages noch in den Spiegel schauen können.

Fazit

Ich gebe eine klar Empfehlung für dieses Buch. Es bietet einen guten Einstieg in das Thema, aber auch Menschen, die schon reflektiert sind, finden hier noch die eine oder andere Inspiration. Für mich war es Anlass, meine eigene Entschuldigungskultur und -sozialisation zu hinterfragen und zu verändern.

Durch die humorvolle Schreibart wird das Buch zu einem Lesevergnügen, das man förmlich aufsaugt. Ein wohl verdienter erster Platz auf der Spiegel Bestseller Liste.

Wer noch die Gelegenheit hat, auf einer ihrer Lesungen teilzunehmen (und vor allem noch Karten bekommt), sollte diese Chance nutzen. Wer bereits Karten hat, der möge diesen Abend genießen.

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