Stressmanagement

Was ist Präsentismus?

Nur ein wenig Schnupfen und Kopfschmerzen, das ist doch halb so schlimm. Da kannst Du doch noch zur Arbeit gehen. Und im Homeoffice erst recht. Du bist ja eh´ schon zu Hause, da kannst Du Dich an Deinen Laptop setzen und schnell noch was erledigen. Oder doch nicht? Das Phänomen “Präsentismus” ist weiter verbreitet als Du denkst. Im nachfolgenden Artikel werde ich mich damit beschäftigen und den Ursachen auf den Grund gehen.


Definition Präsentismus

Der Begriff hat seinen Ursprung natürlich wie vieles andere, in der lateinischen Sprache. Das Wort “praesentia” bedeutet soviel wie Anwesenheit. In Verbindung mit dem Arbeitsplatz ist unter Präsentismus die Anwesenheit am Arbeitsplatz zu verstehen, obwohl der- / diejenige krank ist und ein Arzt eine Krankschreibung ausstellen würde. In einer Untersuchung des DGB´s von 2019 wurden rund 6.500 Arbeitnehmer:innen befragt. Dabei gaben ca. 65 Prozent an, im vergangenen Jahr mindestens einmal gearbeitet zu haben, obwohl sie sich krank gefühlt hatten. In den sozialen Dienstleistungsberufen war der Präsentismus mit 77 Prozent überdurchschnittlich hoch vertreten. Den Jahresreport findest Du hier.

Bild: Stokpic auf Pixabay

Nun ist Corona, viele von uns sind im Homeoffice. Da gibt es dieses Phänomen doch gar nicht. Oder doch? Erste Untersuchungen zeigen, dass der Präsentismus im Homeoffice sogar höher ist. Was machst Du denn im Homeoffice? Du versuchst, Deine Arbeit mit Kindern, geschlossenen Kitas und Schulen, Partner:in, der / die auch zu Hause im Homeoffice sitzt, meist mit räumlichen Einschränkungen (die Küche, das Wohnzimmer oder was auch immer wird auf einmal zum Büro) zu stemmen. Die Trennung zwischen Arbeit und Privat verschwimmt zusehends, ein Abschalten wird zwischen Bügelwäsche, Laptop, Handy und eventuellen Krankheiten sowie Quarantänen schwieriger. Aber: Du bist ja eh zu Hause, da kannst Du dich auch mal mit Erkältung oder Kopfschmerzen oder wenn die Kinder schlafen an den Laptop setzen. Du machst ja eh den Laptop an, um Deine eigenen Mails zu checken. Da kannst Du doch auch gleich noch was für die Arbeit erledigen. Die muss ja gemacht werden.

Kennst Du?


Mögliche Ursachen

Was treibt jemanden dazu, trotz Erkrankung in die Arbeit zu gehen oder im Homeoffice weiter zu arbeiten?

  1. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes: je nach Arbeitsmarkt, Branche oder befristetem Vertrag kann es dazu kommen, dass Arbeitnehmer:innen sich krank in die Arbeit bzw. an den Laptop schleppen. Sie wollen ihre Krankheitstage möglichst gering und somit ihren Arbeitsplatz halten.
  2. Erfolgsorientierung: In manchen Betrieben wird Orientierung nach Erfolg sehr großgeschrieben. Da passt es nicht, wenn jemand krank wird und dadurch ausfällt. Dann wird es auch einfach “nicht gerne gesehen”. Es gibt auch Betriebe, die eine Prämie für Dauerpräsenz zahlen. Mitarbeiter:innen, die nie wegen Krankheit fehlen, zählen zudem als engagiert.
  3. Führungsposition: befindest Du Dich in einer Führungsposition, so kann die Arbeit nicht immer delegiert werden. Jeder Fehltag macht sich bemerkbar. So kommt es, dass trotz Krankheit gearbeitet wird.
  4. Persönliche Probleme zu Hause / Langeweile: Manche flüchten in die Arbeit, um sich zu Hause den eigenen Problemen nicht stellen zu müssen. Oder aber sie können mit sich nichts anfangen und flüchten nach ein paar Tagen Krankschreibung wieder in die Arbeit.
  5. Engagement: Manche arbeiten mit solch einem Eifer an einem Projekt, dass sie es auch zu Ende führen wollen und Krankheiten ignorieren.
  6. Unverständnis darüber, dass man in der Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Oder aber Stigmatisierung bei bestimmten Krankheiten (v.a. psychischen Erkrankungen)
  7. Geld wird benötigt: Zum Beispiel werden bestimmte Schichten anders bezahlt. Wenn jemand Geld benötigt, dann geht er oder sie auch dann in die Arbeit, auch wenn eine Erkrankung das eigentlich nicht zulässt.
  8. Selbstüberschätzung
  9. Fachkräftemangel und Übertragung des Arbeitspensums auf die vorhandenen Arbeitnehmer:innen

Folgen von Präsentismus

Gehst Du trotz einer Krankschreibung oder einer offensichtlichen Erkrankung in die Arbeit, dann riskierst Du folgendes:

Die Erkrankung kann sich verschlimmern, sie kann verschleppt und im schlimmsten Falle chronisch werden. Die Konzentration lässt häufig nach, Fehler passieren. Außerdem bist Du eine Ansteckungsgefahr für die Kolleg:innen. Erkranken diese auch noch, sinkt die Produktivität in der Arbeit!


Präsentismus und innere Antreiber

Du siehst, die Gründe sind sehr vielfältig. Wie Du persönlich reagierst, das hängt meiner Meinung nach unter anderem mit den inneren Antreibern oder aber Glaubenssätzen zusammen. Es ist sehr hilfreich, diese inneren Antreiber zu kennen und zu hinterfragen, warum Du Dich in einer bestimmten Weise verhältst. Ich habe dazu einen Artikel über die inneren Antreiber verfasst und sie im einzelnen beschrieben. Daher hier nur die Kurzform: es gibt insgesamt fünf. Und here they are:

Bild: Jonathan Hoxmark on Unsplash
  1. Sei perfekt
  2. Streng Dich an
  3. Sei stark
  4. Mach es allen recht
  5. Mach schneller

Um eben alles perfekt zu machen, gibst Du wenig bis gar nichts ab, weil die anderen es Dir ohnehin nicht gut genug machen und Du nacharbeiten müsstest, um es perfekt zu haben. Kein Wunder, wenn sich jemand mit einem solchen Antreiber auch krank in die Arbeit schleppt oder im Homeoffice weiter arbeitet, obwohl der Körper eindeutige Signale schickt.

Oder der “Sei stark” Antreiber. Den erschüttert vermeintlich nichts so leicht, schon gar nicht eine Krankheit. Er / Sie ist der Fels in der Brandung. Eine Krankheit haut eine solche Person nicht so leicht um. Stark bleiben ist die Devise. Das lässt Du Dir von einer Krankheit doch nicht erschüttern.

Oder der “Mach es allen recht” Antreiber: Du vernachlässigst Deine eigenen Bedürfnisse, um es eben allen Recht zu machen. Krankheitstage? Kennst Du nicht. Da müssen doch noch diese und jene Aufgaben erledigt sein, damit alle zufrieden sind.

Du merkst, es ist wichtig zu wissen, welche Antreiber bei Dir vorherrschen. Sie tragen maßgeblich zu unserem Stressvolumen und damit zu Anfälligkeiten für Erkrankungen bei. Wenn Du Deine inneren Antreiber schließlich identifiziert hast, akzeptiere ihn, verstehe ihn und ziehe Deine Schlüsse für Dein Handeln daraus.


Was kannst Du gegen Präsentismus tun?

Nun, Du kannst einiges tun, um aus der Präsentismus-Falle heraus zu kommen:


Eine erste Bestandsaufnahme

Mach doch erst mal eine Bestandsaufnahme: Wie ist das bei Dir? Neigst Du dazu, Dich zur Arbeit zu schleppen oder an den Laptop zu setzen, auch wenn Du eigentlich krank bist oder vielleicht sogar eine Krankschreibung hast? Fühlst Du Dich derzeit energie- und antriebslos? Bist Du demzufolge vielleicht sogar schon in der Präsentismus-Falle? Dann handle. Sprich mit Deinen Kolleg:innen oder besser noch: Vorgesetzten. Zusammen könnt ihr sicher Lösungen finden, vor allem dann, wenn der Leistungsdruck sehr hoch ist oder aber Deine Arbeitsumgebung nicht wertschätzend oder gesund ist. Arbeite an Dir selbst, an Deinen inneren Antreibern. Zum Beispiel kannst Du Dir selbst die Erlaubnis für einen nicht so perfekten Arbeitsalltag geben. 90 % (oder weniger) sind immer noch gut genug. Oder aber mal etwas abzugeben, kein schlechtes Gewissen haben, wenn etwas nicht erledigt ist. Dein Arbeitsalltag ist eben auch nur begrenzt.


Grenzen schaffen und einhalten

Hast Du eine klare Trennung zwischen Deiner Arbeit und Deinem Privatleben? Eine solche Trennung ist wichtig und notwendig, um abschalten zu können und sich selbst erholen zu können. Hast Du die nicht, dann wirst Du ständig das Gefühl haben, noch etwas arbeiten zu müssen.

Unterstützen können Dich dabei digitale Tools auf dem Handy oder Laptop, die Dir helfen, Dich z.B. an Pausenzeiten zu erinnern (ein Timer, ein Gong, was auch immer). Oder aber ein Ortswechsel für die Pausenzeiten. Und wirklich Pause machen! Nicht noch schnell die Wäsche zusammen legen oder ähnliches. Wobei, wenn Dir Wäsche zusammen legen beim Abschalten hilft?


Austausch mit Kolleg:innen und / oder Freunden

Bild: Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

Auch wenn Du im Homeoffice bist, kannst Du Dich mit Deinen Kolleg:innen besprechen. Frag doch mal nach, wie sie es machen? Wie schalten sie zwischendurch und am Feierabend ab? Aber auch der weitere soziale Austausch mit anderen ist nicht zu vernachlässigen, um wieder Energie zu tanken und zu merken, dass Du nicht alleine bist und Superman / -woman spielen musst.

Und wenn Du wieder an Deiner Arbeitsstelle bist, dann können gemeinsame Mittagspausen helfen.


Präsentismus bei Kolleg:innen

Fällt Dir bei Deinen Kolleg:innen etwas auf? Stecken sie in der Präsentismus-Falle? Sprich sie an, was Dir auffällt. Neben einer handfesten Erkältung könnte Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Unpünktlichkeit, Medikamenteneinnahme ein Indikator für Präsentismus sein. Auch hier kann ein Austausch hilfreich sein und vielleicht sogar schon präventiv wirken,


Und sonst noch?

Ein geregelter Feierabend und Überstunden, die Du nur dann machst wenn sie unvermeidlich sind, wären ein erster Anfang.

Bild: Tumisu auf Pixabay

Mit den Vorgesetzten sprechen, wäre ein nächster Schritt. Mit ihnen klären, wie etwas so umgesetzt werden kann, dass Präsentismus kein Thema mehr sein muss. Im Homeoffice ist es ebenso von Vorteil, eventuell andere Fristen, Terminabgaben, flexiblere Spielräume abzusprechen, gerade wenn Kinder aufgrund von Quarantäne oder Schulschließung zu Hause bleiben müssen. Dauerpräsenz ist weder am Arbeitsplatz selbst noch im Homeoffice als besonders lobenswert anzusehen. Eine Prämie für dauerhaftes gesund sein ist meiner Meinung nach der verkehrte Weg.

Ein ergonomisch eingerichteter Arbeitsplatz, Bewegung und ein positives Betriebsklima ist sicher auch von Vorteil. Es sollte auf alle Fälle klar sein, dass es kein Problem ist, wenn Du mal krank bist. Für das Homeoffice gilt im Prinzip das Gleiche.


Aufklärung

Aufklärung über Präsentismus an der entsprechenden Stelle ist hilfreich. Im Arbeitsalltag wird über Absentismus, Krankheitstage etc. gesprochen, aber viel zu selten über Präsentismus und dessen Folgen für den / die Einzelne:n, aber auch für das Unternehmen. Vielleicht wäre ein Umdenken von Nöten?

Gib gerne diesen Artikel weiter, falls Du meinst, er könnte in der Diskussion zu diesem Thema Informationen, aber auch Verständnis beitragen.


Noch was zum Schluss

Ich spreche in diesem Artikel von Arbeitnehmer:innen. Bei Selbstständigen ist dieses Phänomen genauso vorhanden, wurde aber bisher noch nicht weiter erforscht. Also liebe Selbstständige, passt auf euch auf!


In meinen Onlinekursen sind die inneren Antreiber immer wieder Thema. Unter anderem kannst Du sie durch einen Test identifizieren. Wenn Du meinem nächsten Kurs dabei sein willst, dann lasse Dich doch auf die Warteliste setzen. Schicke mir eine Email mit dem Stichwort “Warteliste”. Du erhältst als eine der Ersten Informationen.

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