Persönliches

Going grey – ein erster Schritt

Schon lange beschäftigt es mich, nicht immer färben zu müssen und meinen Haaransatz einfach so zu lassen, wie er ist – grau. Natürlich treibt mich auch die Neugier um, wie ich wohl mit grauen Haaren aussehen würde. Jetzt, nach ca. 10 Wochen ohne Friseur, bin ich endlich soweit, mich auf ein Experiment einzulassen: ich lasse meinen grauen Haaren freien Lauf und färbe nicht mehr.

Meine Haare und ich – eine ewige Geschichte vom Färben

Ich glaube, ich war 14, als meine damalige Schulfreundin und ich an unseren Haaren etwas verändern wollten. Also beschlossen wir, mit der Kraft der Natur zu tönen: mit Henna. Sie schwarz, ich rot. Und seit dem kam mir immer wieder Farbe auf den Kopf. Meist blieb es bei Rottönen. Von Hennarot über Kupfer zu Kastanie und Mahagoni war, glaube ich, alles vertreten.

Meine ersten grauen Haare bekam ich bereits mit Anfang 20. Panisch zupfte ich jedes einzelne raus. Das war mir dann doch zu peinlich: grau zu werden und wie eine Oma auszusehen. Zumal ich nach meinem Studium immer mit Jugendlichen arbeitete.

Irgendwann ging´s nicht mehr mit dem Tönen, also musste eine Färbung her. Ca. alle 6 Wochen saß ich Gala lesend mit der Chemiematsche auf dem Kopf und meistens mit einer gereizten und juckenden Kopfhaut beim Friseur und experimentierte mit Strähnchen. Mitte Vierzig dann die vorsichtige Frage an meine Friseurin, wie ergraut ich denn schon sei und die – für mich damals – niederschmetternde Antwort: “So ziemlich komplett“. Keine Frage, lieber weiter färben. Wer will denn schon als Oma betitelt werden? Dazu noch mit einem pubertierendem Kind zu Hause? Einmal lies ich meiner Friseurin freie Hand und heraus kamen lila- und orangefarbene Strähnen im Pony, die ich bis heute mit viel Stolz getragen habe. Und jetzt also Grau?

Die Haarfarbe – eine alles entscheidende Frage des Lebens?

Graue Haare verbinde ich bis jetzt mit meiner Oma. Eine Frau, die schon immer grau war, seit ich denken kann, obwohl sie erst ca. Mitte 40 war, als ich auf die Welt kam. Das, was ich von ihr kennenlernen konnte, zeigte mir eine starke, wenn auch körperlich nicht gesunde Frau, die für mich nach wie vor in vielen Dingen Vorbild ist. Aber eben Oma – und grau.

Was verbindet die Gesellschaft denn mit grau?

  • alt
  • nicht mehr sonderlich interessiert am Äußeren
  • weniger leistungsfähig
  • graue Maus
  • weise Frau
  • Jugendlichkeit verlieren etc.

Kein einziger Punkt traf und trifft auf mich zu: ich fühlte mich weder alt, noch als graue Maus. Und letztendlich: was hat das Alter mit seinem offensichtlichem Merkmal der grauen Haare damit zu tun, ob jemand leistungsfähig ist? Habe ich nicht erst jetzt gelernt, mit Word Press umzugehen, auf Canva meine Bilder und Präsentationen zu machen, zu zoomen und dergleichen mehr? Und habe ich nicht Lebensfreude (fast) ohne Ende? Wer sagt, dass ich im Alter das nicht mehr habe(n darf)?

Warum beschäftigten mich diese Vorurteile?

Kritik trifft mich normalerweise nur dann, wenn sie etwas mit mir zu tun hat. Würde jemand z.B. einen Bagger oder einen Igel kritisieren, dann ist mir das so ziemlich egal. Es ruft keine Emotionen hervor und ich reagiere darauf kein bisschen. Warum? Weil ich damit keine Erinnerung verbinde, weder positiv wie negativ. Aber wenn es Kritik zu meinem Alter, meiner Konfektionsgröße, meinem beruflichen Werdegang oder ähnlichem gibt, dann trifft mich das und beschäftigt mich. Das heißt wiederum für mich, mein Bild von mir mit grauen Haaren hat viel mit meiner inneren Überzeugung / Glaubenssätzen zu tun. Ich bin halt auch nicht frei von Wertschätzung und Anerkennung! Aber ungerecht ist es schon: Männer gelten in der Gesellschaft, wenn sie ergrauen, oftmals als noch attraktiver gesehen (oh ja, George Clooney oder Sean Connery). Frauen als alt?

Wie kommt es zu meinem Sinneswandel?

Eigentlich wollte ich schon länger weg von der Chemiekeule, weg von der juckenden Kopfhaut nach dem Friseurbesuch und den ewig langen Zeiten, die ich dort oft verbracht habe.

eindeutig grau!

Momentan kommt mir eindeutig zu Gute, dass ich mich jetzt in meinem Sabbatjahr befinde und meine Schüler*innen diese Transformation nicht mitbekommen (und somit auch keine dummen Kommentare machen können). Außerdem finde ich die 10 Wochen ohne Friseur und den Ansatz gar nicht so schlimm. Ich denke, das hat sicher auch etwas mit meiner Entwicklung zu tun, mit meiner Selbstwahrnehmung, damit, dass grau ohnehin im Trend liegt (zumindest bei der Jugend), damit, dass ich neugierig bin, wie ich “in echt” aussehe, dass ich alleine entscheide, was auf meinem Kopf passiert (und nicht die Gesellschaft) und auch damit, dass mein Tochterkind vor kurzem meinte, sie fände das Grau auf meinem Kopf schön und ich solle doch zu mir stehen.

Also doch!

Genau das mache ich jetzt auch: Ich werde in Kürze 55 und bin grau – und das schon seit Jahrzehnten. In meinem Kopf dagegen ist vieles bunt – und so bin ich auch. Beides gehört zu mir. Basta! Punkt! Aus!

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